Das Wichtigste aus 1961 – Die Mauer in Berlin und das Ende der Rassentrennung in den USA – Ornette Coleman bis Patsy Cline

Im Jahr 1961 wird die Grenzmauer zwischen der DDR und der Bundesrepublik errichtet, in Algerien ist der Krieg gegen Frankreich im Gange, entsprechen unruhig ist es auch in Frankreich. Der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika – John F. Kennedy – verkündet das Ende der Rassentrennung, was wohl in der amerikanischen Gesellschaft – zumal in den konservativeren Kreisen, egal ob im Norden oder Süden der USA – noch realisiert und vor Allem akzeptiert werden muss (und von Vielen bis heute nicht wird…).

Die von den USA gesteuerte Umsturzaktion gegen den unverschämterweise kommunistischen Nachbarn Kuba – bekannt als die Invasion der Schweinebucht – scheitert und die Weltmacht verliert weltweit an Reputation und Glaubwürdigkeit. Und dann ist der erste Mensch im Weltall auch noch der Russe Juri Gagarinin – das amerikanische Selbstbewußtsein ist angekratzt. 1961 ist das Geburtsjahr von z.B. U2 Gitarrist The Edge, Slayers Sänger Tom Araya und The Jesus and Mary Chains Sänger Jim Reid. In England treten erstmals die Beatles im Cavern Club auf, in den USA veröffentlichen die Beach Boys ihre erste Single, aber die wirklich spannenden Dinge geschehen immer noch im Bereich des Jazz: Ornette Coleman’s Free Jazz! ist ein klares Statement, andere Musiker wie John Coltrane oder Arthur Russell bewegen sich auf ähnlichen Wegen, von Max Roach und seiner Frau Abbey Lincoln gibt es explizit anti-rassistischen und somit politischen Jazz, gleichzeitig erleben einige Blues Musiker einen zweiten Frühling, Muddy Waters und John Lee Hooker elektrifizieren das Genre. Eine junge, studentische Generation hat die amerikanische Folkmusik entdeckt und spielt sie nach, hält aber noch streng an den Vorbildern fest. Der gute alte Rock’n’Roll überlebt noch in England, Doo Wop kommt immer noch aus New York, instrumentale Gitarrenmusik gibt es von den Ventures in den USA oder den Shadows in England, Vocal Jazz macht nach wie vor Spaß, und es gibt herrliche Countrymusik von der viel zu früh verstorbenen Patsy Cline – die Musik des Jahres 1961 ist eigentlich recht vielseitig und es gibt etliche Single-Hits von Musikern, die aber auch nicht mehr als nur diesen einen Hit schaffen – und die dann hier nicht vorkommen, da ich mich auf das Album-Format konzentriere. Aber zur Info: Man sollte mal nach einer Compilation mit DooWop Helden wie den Tokens, den Marcels oder den Capri’s schauen….

https://music.apple.com/de/playlist/der-gro%C3%9Fe-rockhaus-1961-ornette-coleman-bis-patsy-cline/pl.u-gxbllD0I5zRNABq

The Ornette Coleman Quartet
This Is Our Music

(Atlantic, Rec. 1960, Rel. 1961)

This is Our Music ist natürlich nicht Coleman’s bekanntestes Album – ganz einfach weil es überschattet wird vom 59er Geniestreich The Shape of Jazz to Come und natürlich von seinem Nachfolger (siehe Unten). Dabei ist es doch so viel einfacher zu genießen – und zwar ohne sich sofort in komplexen Improvisationen verirren zu müssen. Beide Seiten der wieder mal sehr selbstbewusst betitelten LP beginnen mit recht straighten Songs: „Blues Connotation“ ist mehr Hard-Bop als irgendetwas anderes, allerdings von der progressiven Art. Da Ornette Coleman hier (nur) mit einem Quartett arbeitete, ist der Sound von wohltuenden Sparsamkeit. Man hört im Gegensatz zu Free Jazz meist drei, maximal vier Instrumente, und die Solisten lassen einander genug Raum, um sich nicht gegenseitig zu übertönen, wodurch sie um einiges kraftvoller klingen. Die Chemie insbesondere der Rhythm Section aus Bassist Charlie Haden und Ed Blackwell stimmt, das erprobte Solisten-Paar Coleman (sax) und Don Cherry (tr) darf auf diesem Fundament leidenschaftlich und kraftvoll solieren. Und all das noch mit Hard Bop als Grundlage, aber schon mit dem Spirit des Free Jazz. Ed Blackwell’s Drumming ist mal band-dienlich, mal solistisch-feurig, aber heimlicher Star des Albums ist für mich Bassist Charlie Haden, der nicht einfach nur den Rhythmus zupft, sondern die Solisten völlig souverän durch die abwechslungsreichen Songs trägt. This Is Our Music mag wie gesagt nicht die Wirkung des Nachfolgers gehabt haben, aber es ist nicht schlechter als die anderen Alben dieser Phase in Coleman’s Karriere. Ganz nebenbei: Galaxie 500 benannten ihr letztes Album nach diesem..

Ornette Coleman Double Quartet
Free Jazz

(Atlantic, Rec. 1960, Rel.. 1961)

Ein paar Monate nach This Is Our Music – Ende 1960 aufgenommen – kam dann mit Free Jazz eines der revolutionärsten Jazz Alben überhaupt. Eines, das zwar nicht aus dem Nichts entstand – wie beschrieben hatte Coleman zum Beispiel im Vorjahr mit Change of the Century und zuvor schon ’59 mit The Shape of Jazz to Come neue Ideen formuliert – und das nicht nur in den Titeln seiner Alben – wobei man „free Jazz“ eher als Aufforderung lesen sollte, denn als simplen Titel für ein Album oder gar Bezeichnung eines Genres – das es damals noch nicht gab. Free Jazz – A Collective Improvisation by the Ornette Coleman Double Quartet (um den Titel mal bewusst lesbar zu machen) wurde Dezember 1960 an einem Tag aufgenommen, und besteht – vollkommen revolutionär zur damaligen Zeit – aus einer über zwei Plattenseiten gehenden „Suite“. Dafür hatte Coleman – wie im Titel beschrieben – zwei gleichberechtigte und vor Allem auch gleichwertige – Quartett-Besetzungen versammelt, und spielte mit ihnen das, was dann ganz passend Free Jazz genannt wurde. Dass die beiden „Quartet’s“ die entsprechende Qualität haben, mag man an den Namen ablesen: Coleman und sein Partner seit Jahren Don Cherry mit Scott LaFaro (b) und Billy Higgins (dr) auf der einen Seite, Eric Dolphy (sax), Freddie hubbard (tr), Charlie Haden (b) und Ed Blackwell (dr) auf dem anderen Kanal. Mit diesem Album befreite der Autodidakt den Jazz von den Konventionen des Bebop und Hard Bop. Die sechsteilige Suite wird von fanfarengleichen Themenvorgaben eingeleitet, dann laufen die Musiker auseinander, beginnen die Themen je nach eigener Vorliebe abzuwandeln, entwickeln daraus neue Themen, bekommen vom Partner eine Antwort, indem dieser die Idee weiterspinnt, während man möglichst den unterlegten Rhythmus beibehält… Coleman beschrieb es wie folgt: „Die wichtigste Sache war für uns, zusammen zu spielen, alle zur gleichen Zeit, ohne uns gegenseitig in den Weg zu kommen, und außerdem nach Belieben genügend Raum für jeden Spieler zu haben – und dieser Idee für die Dauer des Albums zu folgen. Wenn der Solist etwas spielte, das mich zu einer musikalischen Idee oder Ausrichtung anregte, spielte ich das in meinem Stil dahinter. Er führte selbstverständlich sein Solo in seinem Stil fort.“ Grundvoraussetzung dabei ist es, aufeinander zu hören und aufeinander eingehen zu können. So etwas funktioniert freilich nur, wenn die Musiker die entsprechenden Qualitäten haben: Virtuos, selbstbewusst, emphatisch, abenteuerlustig – und all das ist hier versammelt. – was nichts daran ändert, dass Free Jazz keine leichte Kost ist.

Max Roach
We Insist ! Max Roach’s – Freedom Now Suite

(Candid, 1961)

Der Schlagzeuger Max Roach war einer der wichtigsten politisch motivierten Jazzmusiker seiner Zeit – einer Zeit mithin, in der junge Schwarze in den Südstaaten der USA immer öfter ihre Rechte einforderten – bei Sit-In’s in für Weisse reservierten Restaurants etwa. Roach hatte von einer schwarzen Bürgerrechts-Organisation zusammen mit dem Texter Oscar Brown den Auftrag bekommen, ein politisches Manifest in musikalischer Form zu erschaffen, aber die beiden gerieten in Streit – Brown war Martin Luther King-Gefolgsmann, Roach sympathisierte mit dem radikaleren Malcolm X – und beinahe wäre das Werk nicht zustande gekommen. Das junge Candid Label wollte das Album aber unbedingt veröffentlichen und Roach spielte die „Suite“ mit seinem Sextett um den Saxophonisten Coleman Hawkins und den Trompeter Booker Little sowie mit einigen Percussionisten – insbesondere dem Nigerianer Michael Olatunji ein. Den Gesang übernahm mit seiner Frau Abbey Lincoln eine der besten und politisch wachsten Stimmen dieser Zeit – und all die Namen und Fakten sollten nicht die Tatsache überdecken, dass We Insist ! die perfekte Verbindung aus Jazz und Protest ist, ein wütender und selbstbewusster Aufschrei des Teiles der amerikanischen Bevölkerung, der über Jahrhunderte schrecklichster Ungerechtigkeit ausgesetzt wurde – auch zu dieser Zeit noch – und dessen kulturelle Errungenschaften – insbesondere eben auch dessen Musik – die Kultur des ganzen Landes so sehr geprägt hatte. Dass die Musik da in den Hintergrund rücken könnte, wäre eine Gefahr, aber in diese Falle tappten Max Roach und seine Mitstreiter nicht. Neben der soziokulturellen Bedeutung ist We Insist! nicht nur wegen seiner Dringlichkeit eines der großen Jazz-Alben der Sechziger: Coleman Hawkins‘ melodisches und gefühlvolles Saxophon bei „Driva‘ Man“ jubiliert fast wie Gesang, die Suite „Triptych; Prayer/Peace/Protest“ ist das zentrale Stück, mit Roach’s Wissen um die Kunst des HardBop und natürlich seinem hervorragenden Drumming. Die Integration des Gesanges und der Percussion von Olatunji stellen das Album außerhalb der Konventionen des Jazz – und gerade das ist der Reiz von We Insist ! Dass Roach danach Schwierigkeiten mit Konzertagenturen im Süden der USA bekam, ist zwar traurig und empörend, aber leider auch kaum überraschend.

Max Roach
Percussion Bitter Sweet

(Impulse!, 1961)

Die guten unter den Plattenfirmen aber waren immer noch interessiert: Das gerade unter der Ägide von Creed Taylor entstandene Impulse! Label etwa hatte es sich auf die Fahne geschrieben, (schwarze Jazz-)Künstler machen zu lassen, was ihnen gefiel. Taylor verließ Impulse! zwar noch ’61, aber Roach war schon da und hatte auch für Percussion Bitter Sweet nicht vor, ruhiger oder gar unpolitisch zu werden. Hier war der musikalische Schwerpunkt nicht Afrike, Roach holte stattdessen zwei kubainsche Percussionisten an Bord um Tracks über Frauenrechte („Mama“), über das Unrecht gegen Sxchwarze überall („Garvey’s Ghost“, Man From South Africa“) oder die Sehnsucht nach Freiheit zu verdeutlichen. Wieder waren Eric Dolphy und Julian Priester dabei, auf zwei Tracks sang wieder seine Ehefrau Abbey Lincoln und der junge Booker Little spielte Trompete… es würden seine vorletzten Plattenaufnahmen sein, ehe er an Nierenversagen starb. Mit Mal Waldron am Piano und Clifford Jordan am Saxopfon waren neue Leute dabei, die so hochklassig waren, wie diese Musik. Percussion Bitter Sweet ist vielleicht machmal ZU viel. Lincoln’s Schreie beim Opener „Garvey’s Ghost“ sind over the top. Beim tollen „Mendacity“ aber ist ihr Gesang groß, die Musiker spielen offensichtlich beseelt. Die hatten was zu sagen, wollten nicht sich selber darstellen, sondern dem Thema dienen… das hier einfach nur nicht ganz so in ein Konzept komprimiert worden war. Hier klingen Roach und Mitstreiter wie eine avantgardistische New Orleans Parade Band. Und natürlich ist Eric Dolphy ein Meister und der Verlust von Booker Little wird deutlich und Mal Waldron ist ein ganz Großer… Und „Tender Warriors“ ist bildschöne, gleitende Free-Jazz-Avantgarde. Percussion Bitter Sweet ist das nächste große und sehr eigenständige Meisterstück von Max Roach

Abbey Lincoln
Straight Ahead

(Candid, 1961)

Logisch, dass jetzt Abbey Lincoln’s ’60er Album folgt: Max Roach’s Ehefrau war – wie vorher gesagt – eine dieser politisch wachen und vor Allem auch lauten Stimmen ihrer Zeit. Das Personal auf ihrem Solo-Album war zum großen Teil deckungsgleich mit dem auf We Insist ! Natürlich spielte auch hier Ehemann Max Roach die Drums, dazu kamen Brooker Little (tr), Coleman Hawkins (sax) und vor Allem Eric Dolphy (fl, sax) – aber das Hauptaugenmerk liegt bei Straight Ahead natürlich auf der Stimme Abbey Lincoln’s. Auch hier geht es um die Bürgerrechte, die Botschaft ist etwas weniger plakativ, aber verstanden wurde sie trotzdem von Allen – mit eben dem Effekt, dass es diverse Plattenfirmen und Konzertveranstalter gab, die Lincoln nunmehr als unerwünschte Person betrachteten. Könnte heute in den USA vermutlich auch wieder passieren. Die Musik ist – wie gesagt – Vocal Jazz, dank der Ausführenden mit starken HardBop-Einflüssen. Die Bälle, die sie Lincoln zuspielen, kann diese mit ihrer kraftvollen Stimme ohne weiteres aufnehmen. Bei „When Malindy Sings“ – geschrieben auf den Text eines Gedichtes von Paul Lawrence Dunbar – einem der ersten schwarzen amerikanischen Dichter – weiß sie genau wovon sie singt, trifft genau den richtigen Ton um den Unterschied zwischen dem Gesang ihres Volkes und dem der „Weißen“ zu beschreiben. Auf dem gesamten Album zeigt sie, wie wandelbar ihre Stimme ist – und vor Allem, dass man auch im Jazz-Umfeld als weibliche Sängerin politisch sehr deutlich werden kann – auch wenn das heute vielleicht nicht mehr so ungewöhnlich klingen mag, und auch wenn manche politische Aussage hier mitunter mit theatralischer Vehemenz vorgetragen wird. Das mag heute manchmal übertrieben wirken – damals war es nötig. Und die Zusammenarbeit mit dem damals sehr angesagten und bald leider toten Eric Dolphy macht das Album zusätzlich interessant. Straight Ahead ist Vocal Jazz mit einer zusätzlichen Dimension und perfekt als Kombination mit We Insist ! Und vermutlich hat die Jazz-Musikerin Matana Roberts in diesen beiden Alben Vorbilder für ihren Post-2000-Jazz gefunden.

Frank Sinatra
Ring-A-Ding Ding !

(Reprise, 1961)

Sinatra wollte das neue Jahr mit Swing begrüßen: Erst kam das IMO „nur“ ganz nette Album Sinatra’s Swingin‘ Session !!! – und dann ein paar Monate später das Highlight Ring-A-Ding Ding ! Es ist sein erstes Album auf dem eigenen Label – gegründet um größere künstlerische Freiheit zu haben – und der alberne Titel war zu dieser Zeit – als er mit dem berüchtigten Rat Pack unterwegs war – eine seiner Lieblings-Floskeln. Das Album strotzt vor Selbstbewusstsein – durchaus auch im trügerischen Glauben, dass die „junge“ Rock’n’Roll Mode ihn ja doch nicht obsolet gemacht hätte. Aber egal was noch passieren sollte – Sinatra war stimmlich und auch künstlerisch noch immer in schwindelerregender Höhe, hatte kaum jemanden neben – und niemanden über sich, nun hatte er ein paar neue Gesichter, die ihm halfen. Den Arrangeur Johnny Mandel, mit James Cahn und James Van Heusen zwei Komponisten, die ihm den Titelsong auf den Leib schrieben, ein Rezept aus den Vorjahren, welches – leicht abgewandelt – Erfolg versprach und natürlich ein Händchen für die richtigen Songs. Hier der Cole Porter-Klassiker „In the Still of the Night.“ mit hart swingendem Arrangement von Johnny Mandel, über das seine Stimme lässig gleitet, oder das jazzy „You, the Night and the Music“ – Es ist ein weiteres tolles Sinatra-Album – natürlich in keinster Weise modern, aber so stylish wie es eben nur geht.

Frank Sinatra
Come Swing With Me

(Capitol, 1961)

Zwischen dem Ring-a-Ding Ding ! und Come Swing With Me hatte Ol‘ Blue Eyes noch ein weiteres Album zusammen mit Arrangeur Billy May am Start, das Komplettisten hier vermissen würden, (diesmal Swing Along with Me), aber ich empfehle von seinen vier ’61er Alben noch Come Swing With Me – sein letztes für Capitol – wie gesagt mit Arrangeur Billy May – wobei die Hälfte der Tunes von einem gewissen Heinie Beau arrangiert wurden. Wie hier erkennbar, 1961 war Jazz auf dem Weg in die Freiheit, Rock’n’Roll anscheinend am Ende – und Sinatra wandte sich stilistisch in Richtung Swing aus der Big Band Area (der Musik seiner Jugend mithin, 1961 war er ja immerhin schon Mitte Vierzig). Also interpretierte er auf den Alben dieses Jahres genussvoll Standards aus der großen Zeit des Swing: Da wäre zum Beispiel „Lover“: Das hatte er anno dazumal für Columbia aufgenommen, nun kamen neue Lyrics dazu, ein flotteres Arrangement, welches die alte Version… nun ja… alt aussehen ließ. Der beste Song hier ist „The Old Black Magic“, aufgenommen mit einer unterschwelligen Energie, die den Gedanken, dass er nicht mit ganzem Herzen bei der Sache gewesen sein könnte, weil er hier nur noch seinen Vertrag bei Capitol erfüllte, völlig absurd macht. Tatsache ist aber auch: Nach diesen Alben kamen noch ein paar sehr schöne (u.a. Cycles (1968), My Way (1969) – und mit Watertown (1970) sogar ein Konzeptalbum von großer, alter Klasse, aber dennoch – er mag es nicht bemerkt haben, aber seine beste Zeit hatte er hinter sich. Sagen wir’s mal so: Ab Beginn der Sechziger ließ er auch seine Gesangskarriere auslaufen, wobei die Tatsache, dass er „Hit’s“ nicht mehr nötig hatte, und langsam aus der Mode geriet, eine Rolle gespielt haben wird.

Robert Johnson
King ot the Delta Blues Singers

(Columbia, Rec. 1936/37, Rel. 1961)

Der Bluesmusiker Robert Johnson war im Jahr 1961 schon seit 23 Jahren tot, seine bei zwei Sessions 1936 und ’37 für das Vocalion-Label aufgenommenen Songs höchstens noch ein paar Eingeweihten bekannt, und sein Ruf – es gab schlicht und einfach noch Keinen. Dylan-Entdecker John Hammond von Columbia Records, der in den 30ern Songs von Johnson gehört hatte, beauftragte den Jazz- und Blues-Forscher Frank Driggs, die seinerzeit doch recht erfolgreichen Tracks zu einer Compilation zusammenzustellen, zum Einen weil ihm einfach daran lag – er hatte sich immer für die Vorkriegsmusik der USA interessiert – zum Anderen, weil er jetzt mit jungen, meist weißen Studenten ein Publikum für die von ihm geliebte Musik hatte. Die wenigen Stories, die kursierten, gaben auch noch einiges her: Johnson hätte seine Seele dem Teufel verkauft, um besser Gitarre spielen zu können – zu Beginn seiner Karriere hatte sein Kollege Son House ihn noch wegen seiner Unfähigkeit verspottet – und plötzlich war er ein Virtuose von höchster Klasse -und dann war er noch von einem gehörnten Ehemann mit gerade mal 27 Jahren entweder abgestochen oder vergiftet worden… Aber es sind vor Allem die Musik und die Texte, in kurze Vierzeiler gesetzt und von shakespeare’scher Allgemeingültigkeit mit den so archetypischen Themen, die die Legende um den Teufelspakt befeuerten – der „Crossroad Blues“, bei dem er den Deal mit dem Teufel am mythischen Kreuzweg abschließt, „Hellhound on My Trail“ und der „Me and the Devil Blues“ – um das Thema abzudecken. Da sind klassische Blues-Songs wie „Come on In My Kitchen“ oder der „Terraplane Blues“ – es sind Songs im damals verbreiteten Idiom, von einem Mann, der in den 30er Jahren von seinem Leben erzählt – einem Leben das traurig, lustig, schön und gefährlich ist. Und das er mit feuriger Stimme besingt (wobei nicht sicher ist, ob er wirklich so klang – Vocalion war bekannt dafür, die Tracks in höherem Tempo zu reproduzieren, um sie „spannender“ zu machen) – und dazu wirklich virtuos Gitarre spielt. Natürlich ist die Aufnahmetechnik auf dem Stand der 30er und der Klang der Aufnahmen somit gewöhnungsbedürftig, aber das Album hatte – trotz zunächst geringer Verkaufszahlen – den größten denkbaren Einfluss auf die Musik der kommenden Jahrzehnte – vergleichbar mit den Revolutionen, die Elvis, Coltrane oder die Velvet Underground hatten. So gab Albert Hammond dem jungen Bob Dylan eine Kopie des Albums. Der hatte zuvor noch nie was von Robert Johnson gehört – und war völlig begeistert. Jahre später coverten Bands und Musiker wie die Stones, Clapton, Led Zeppelin, etc diese Songs, (wie auch vor 1961 etliche Blues-Musiker seine Songs nachgespielt hatten – oft ohne Johnson namentlich zu nennen) – und bis heute werden Musiker von ihm beeinflusst. 1961 gab es nicht einmal ein Foto von Johnson, viele Fakten waren unbekannt, und später wurden noch andere Aufnahmen gefunden – so daß es 1970 einen zweiten Teil von King ot the Delta Blues Singers geben wird. Dieses Vol. 1 wurde im CD-Zeitalter auch aufgestockt. Dennoch – es sind nur wenige Songs, die von Robert Johnson überliefert sind. Aber die paar reichen für ein ganzes Leben. Essenziell.

John Lee Hooker
The Folk Lore of John Lee Hooker

(Vee Jay, 1961)

1961 veröffentlicht der inzwischen irgendetwas über 40-jährige John Lee Hooker zwei Alben – bei Chess gibt es mit Plays & Sings the Blues eine Compiltation von 10 Jahre alten Akustik-Tracks, beim aktuellen Label Vee Jay zwölf Tracks aus den letzten paar Monaten. Der Titel The Folk Lore of… soll vielleicht ein junges weisses Publikum zum Kauf verlocken – diejenigen, die im Moment dem Akustik-Folk Trend folgen – die Tracks sind allerdings alle mit elektrischer Gitarre eingespielt (…nicht dass Hooker sich dadurch anders angehört hätte). Aber Hooker hat sowieso immer in einer eigenen Kategorie gespielt. So wie etwa The Fall’s Mark E. Smith ist er immer als er selber erkennbar, kann nicht imitiert werden – ist „always the same, always different„… Da sind zwei Tracks vom Newport Folk Festival, bei denen er nur von einem Bassisten begleitet wird, da sind vier sehr schöne, aber auch fast „konventionelle“ Studio Tracks mit kompletter Band – bei „Hard Headed Woman“ gesellt sich Jimmy Reed an der Blues-Harp dazu – und dann sind da die restlichen sechs Tracks, bei denen Hooker alleine mit E-Gitarre und Fußstampfen seine archaische Musik spielt. Seine Musik hat eigentlich keine große stilistische Breite, was man gerade bei diesen Solo-Tracks erkennt, aber er ist – wie gesagt – einzigartig. Man sieht ihn buchstäblich mit tief ins Gesicht gezogenem Hut auf dem Hocker sitzen, die Gitarre wird nachlässig geschrubbt und gezupft und er erzählt seine Geschichten von Frauen, Liebe, Mord und Totschlag. Nicht einmal der Gesang erfüllt technische Ansprüche – und dennoch kann man sich Hooker’s Musik schwerlich entziehen. Natürlich ist das Blues, aber es gibt niemanden, der den Blues so spielt wie John Lee Hooker.

John Lee Hooker
Plays & Sings The Blues

(Chess, 1961)

Was man natürlich auf Plays & Sings the Blues genauso hört. Zu Beginn der Fünfziger nahm Hooker Dutzende Songs bei unterschiedlichsten Labels auf. Hier versammelte Chess einige davon, bei manchen hat er auch da schon die Gitarre elektrisch verstärkt, aber dadurch klingt er nicht anders, es gibt mit „Mad Man Blues“ eine harte „Ich bringe meine Frau um“ Geschichte, roh wie frisches Gehacktes, es gibt mit „Just Me and My Telephone“ ein weiteres Highlight seiner minimalistischen Erzähl- und Spielkunst, man wundert sich, wie wenig sich Hooker in den zehn Jahren verändert hat – und man wird sich darüber bis zu seinem Tod im Jahr 2001 wundern. Jedes seiner Alben ist eine Momentaufnahme – und diese beiden hier sind gelungen und wichtig.

Ray Charles
The Genius Sings The Blues

(Atlantic, 1961)

Auch verrückt – sich mal klar zu machen, dass Ray Charles inzwischen (1961) schon seit fünf Jahren dabei ist, schon einige Alben, EP’s und Singles mit großem Erfolg veröffentlicht hat und ein etablierter Künstler mit sowohl schwarzem als auch weissem Publikum ist. Erstaunlich auch, weil seine Musik heute noch so ungeheuer frisch klingt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, er hat Soul erfunden, indem er Rhythm & Blues, Gospel, Jazz und Blues zu einem Cocktail zusammengemischt hat – dessen genaue Rezeptur zu dieser Zeit allerdings noch nicht definiert ist. The Genius Sings the Blues ist jedenfalls kein Blues-Album – obwohl auch Blues dabei ist. Dieses Album war eigentlich eine Cash-In Veranstaltung von Atlantic nachdem er das Label verlassen hatte und es wurde letztlich zu einem seiner erfolgreichsten Alben – mindestens so unverzichtbar wie die Compilations Ray Charles (’57) und What’d I Say (’59) und die revolutionären Modern Sounds in Country & Western Music aus dem kommenden Jahr. Ray deckt jedenfalls auch hier alle Territorien zufriedenstellend ab. Da ist der perfekte Blues-Gospel Hybrid „The Right Time“ (besser bekannt als „The Night Time is the Right Time“), da ist die feine Ballade „I Believe to My Soul“, es gibt den wunderbaren Piano-Blues „Someday Baby“, seine Stimme ist ein Erlebnis – man höre nur „Hard Times“ und „The Midnight Hour“ – und schon zu Beginn wird man von „Early in the Mornin’“ mitgenommen. Diese Compilation ist tatsächlich (fast) fehlerlos, selbst die schwächeren Tracks sind toll. Vollbedienung und eines der tollen Alben des Jahres ’61. Einzig deswegen unauffälliger, weil Ray Charles in den Jahren zuvor schon auf diesem Hohen Niveau geliefert hatte.

Django Reinhardt
Djangology

(RCA Victor, Rec. 1949, Rel. 1961)

Djangology ist ein Compilation Album mit Musik vom im Jahre ’53 verstorbenen in Belgien geborenen Gypsy-Gitarristen Django Reinhardt gemeinsam mit seinem kongenialen Begleiter, dem Geiger Stephane Grappelli. Es wurde erstmals 1961 als EP mit zwölf Titeln veröffentlicht – und passt ganz gut neben die Robert Johnson LP, weil es zeigt, dass seinerzeit anscheinend ein Interesse an den Ursprüngen des Blues und des Jazz existierte – und weil auf dem inzwischen auf 23 Titel aufgestockten Album ganz hervorragende Musik zu finden ist. Aufgenommen wurden die Tracks zwölf Jahre zuvor, im Jahr 1949, als die beiden europäischen Gypsy-Jazzer letztmals gemeinsam mit einer kleinen Rhythm Section in Italien auf Tour waren. Dass Django Reinhard seine virtuosen Gitarrenläufe trotz zweier nach einem Brandunfall unbeweglicher Finger an er linken Hand spielt, ist nur ein faszinierendes Kuriosum – man kann sich seine eigenartige Technik auf ein paar YouTube-Videos anschauen. Interessanter ist schon die Tatsache, dass er mit seinem Gitarrenspiel, das sich zugleich aus der Musik der Sinti und Roma wie aus amerikanischen Jazz-Traditionen nährt, Generationen von Jazz-Gitarristen beiderseits des Atlantiks beeinflussen würde. Aber all das wird dem Spaß und der Intensität dieser Tracks nicht gerecht. Man höre nur das genauso virtuose Geigenspiel von Stephane Grapelli, das die Musik noch deutlicher in den Roma/Sinti-Kulturkreis verortet und ihr einen sehr eigenwilligen Charakter verleiht, da ist das traumhafte Zusammenspiel der beiden Virtuosen, bei dem sie einander umspielen, einander Antworten – und vor Allem offensichtlich ungeheuren Spaß haben. Da sind diese Songs – nicht wie im Jazz dieser Tage üblich ausgedehnte Improvisationen um ein simples Thema, sondern echte „Songs“, die erzählerischer daherkommen als alles, was man heute als Jazz hört. Man kann sich an Reinhardt’s blitzschnellen Läufen, an seinen eigenartig geschrubbten Akkorden und seinem melodischen Einfallsreichtum delektieren. Diese Musik verströmt eine überraschend übermütige Fröhlichkeit und zugleich eine sehr süd-europäische Sentimentalität – die sich im US-Jazz der Sechziger nicht mehr findet. Man höre nur die schluchzende Geige bei „Beyond the Sea“, die rasanten Improvisationen bei „Djangology“ oder den Schmelz von „Honeysuckle Rose“. Passend, dass ein europäischer Intellektueller wie Jean Cocteau Django Reinhardt nach seinem Tod so hoch bewertete. Hier ist der Mann, der die Gitarre als Solo-Instrument im Jazz emanzipierte – und das ist nur EIN Verdienst.

Joan Baez
Joan Baez, Vol. 2

(Vanguard, 1961)

Dass Joan Baez eine der wichtigsten Protagonistinnen der US Folk-Szene war, ist ja vielleicht sogar heute noch bekannt. Aus ihr entstand das Klischeebild der gitarrenbewaffneten Protestsängerin. Aber ihre Bedeutung wird heute von der ihres Protegee’s Bob Dylan überschattet – des Musikers, der bald in Riesenschritten Folk aus der reinen Interpretation in die Innovation führen wird. 1961 ist Dylan allerdings gerade erst im New Yorker Greenwich Village angekommen, die ebenfall 20-jährige Joan Baez lernt ihn in diesem Jahr bei einer Tournee kennen, bei der er als Support Act für John Lee Hooker auftritt – und sie wird sich bald für seine Musik begeistern. Allerdings ist zu diesem Zeitpunkt SIE der Star. Ihr zweites Album hat die Billboard-Charts gestürmt und sie bekommt den Grammy für die „Best Contemporary Folk Performance“, ihr klares Vibrato ist zum Markenzeichen geworden und ihre Art, traditionelles Liedgut zu interpretieren, wird von einer jungen studentischen (weissen) und politisch wachen Generation hoch geschätzt. Ihre ersten vier Alben klingen heute vermutlich gerade wegen des leidenschaftlichen Vortrages vergleichsweise naiv – und ihre Stimme kann nerven, weil sie gerne etwas zu viel Pathos aufträgt, aber hört man diese Alben unvoreingenommen, so kann man ihnen durchaus Zeitlosigkeit bescheinigen. Joan Baez Vol 2 war die Fortsetzung des Debüts, es gab durch die Mithilfe der Greenbriar Boys auf zwei Songs eine Erweiterung des Sound-Spektrums – und Baez‘ Interpretationen der gewählten Traditionals wurden in den kommenden Jahren zu regelrechten Gussformen. Sie entriss auf diesem Album einige ziemlich finstere alte Geschichten dem Vergessen, meist handelt es sich um englische Folk-Weisen, deren Inhalt auf die eine oder andere Weise den Tod behandelt – in diesem Alter wohl das virulente Thema. Das Album beginnt mit der A Capella Version von „The Wagoners Lad“ – einer Story, die die Fremdbestimmung von Frauen beklagt, aber alte „Child Ballads“ wie „Silkie“ und „Barbara Allen“ oder die Mordgeschichte an den „Banks of the Ohio“ sind blutrünstiger. Neben diesem gefällt mir besonders das flotte irische Traditional „Lily of the West“ – ebenfalls eine Story über Betrug und Mord – mit angenehm zurückgenommenem Vibrato vorgetragen. Joan Baez Vol 2 halte ich für besser als Dylan’s Debüt, es ist perfekter Traditional Folk.

Patsy Cline
The Patsy Cline Showcase

(Decca, 1961)

Zu Beginn der Sechziger kommt in den USA an Patsy Cline Keiner vorbei. Sie hatte in den späten 50ern mit ihrer einzigartigen Stimme den weiblichen Gesang im Country auf eine Weise definiert, die bis heute ihre Gültigkeit hat. Dabei hatte sie nach einem ersten landesweiten Hit 1957 („Walkin‘ After Midnight“ – auch hier enthalten…) erst einmal eine Durststrecke gehabt, aber mit neuem Plattenvertrag und einer stilistischen Neu-Ausrichtung in Pop-Gefilde (von ihr nicht wirklich gewünscht) kam auch der Erfolg zurück. Die Singles „I Fall to Pieces“ und „Crazy“ (geschrieben vom jungen Willie Nelson) schossen sowohl in den Country-Charts als auch in den Pop-Charts nach oben – und auch ein schwerer Autounfall bei dem sie knapp mit dem Leben davonkam und bei dem sie Narben im Gesicht davontrug, hielt den Erfolg nicht auf. Ihr erstes reguläres Album für Decca ist so gesehen eine Compilation – und eine von Vielen, aber Showcase wird ja auch genau so bezeichnet – und das Albm enthält neben den genannten Hits einige weitere sehr starke Tracks: Da ist „San Antonio Rose“ und „South of the Border (Down Mexico Way)“ und das rührende „I Love You So Much It Hurts“, da ist ihre kristallklare Stimme und ihre mühelose Art der Phrasierung – die nicht erkennen lässt, dass ihr einige dieser Songs nicht wirklich passten, da ist die Tatsache, dass sie auf diesem Album tatsächlich alle Bereiche von der Ballade bis zum gelinden Rockabilly präsentiert (… wie gesagt – Showcase war der richtige Titel). Die Tatsache, dass dieses Album mit dem, was Verfechter des Reinheitsgebotes unter „Country“ verstehen nicht viel zu tun hat, will ich nicht verschweigen. Aber hre Stimme war so „Country“, dass ihr das meist verziehen wird – insbesondere eingedenk der Zeiten, in denen sie ihre oft sehr fremdbestimmte Karriere hatte und vor Allem eingedenk der Tatsache, dass sie keine 24 Monate später bei einem Flugzeugabsturz mit gerade mal 30 Jahren ums Leben kam. Was ich auch nicht verschweigen will ist die Tatsache, dass es natürlich bei einer so kurzen LP-Karriere weit erquicklicher ist, sich mit den posthum erschienenen Compilations zu beschäftigen. Drei Monate nach ihrem Tod erscheint die Doppel-LP The Patsy Cline Story, die dieses Album sowie den Nachfolger Sentimentally Yours (von ’62) mit einigen kurz vor ihrem Tod aufgenommenen Tracks verbindet. DAS ist dann wirklich „definitiv“. Dazu kommen Dutzende weitere Compilations in den folgenden Jahren, die vor Allem beweisen, dass ihre Stimme extrem einflussreich war. Aber Showcase ist eben zu ihren Lebzeiten erschienen. Mindestens ein Dokument dessen, was der Nashville Sound damals war.

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