Das Wichtigste aus 2009 – Obama, die Finanzkrise, die Schweinegrippe und Michael Jackson’s Zerfall – Flaming Lips bis Vektor

Die Welt befindet sich nach wie vor im Griff der Finanzkrise. Große Veränderung in der neoliberalen Kamikazepolitik der Börsen und Konzerne sind allerdings nicht zu erkennen, denn die Lasten müssen ja nur Millionen von keiner Lobby vertretene Steuerzahler tragen und die Verantwortlichen können sich derweil sogar an ihrem Versagen via Abfindungen bereichern.

In den USA wird der Hoffnungsträger Barak Obama als Präsident vereidigt und geht mit viel Elan daran, die reaktionärer Machtpolitik der USA auf Links zu drehen – gegen den erbitterten Widerstand aller konservativen und ultra-religiösen Pappnasen, für die ein schwarzer Präsident an sich schon den Weltuntergang einläutet. Im Laufe der Zeit wird sich sein Idealismus leider an der Realität und an den Widerständen abnutzen: Währenddessen kommt die islamische Welt nicht zur Ruhe: Bomben-Attentate, Terrorismus, Mord sind im gesamten Nahen Osten an der Tagesordnung. In Mexiko bricht die Schweinegrippe aus, die auch auf Menschen übergreift, und wird zum weltweiten Problem. In Kopenhagen findet ein UN Klimagipfel statt bei dem sich wieder einmal zeigt, dass wirtschaftliche Interessen weit wichtiger sind als jede Vernunft. Man legt sich auf genau genommen garnichts fest, formuliert nur ein paar wohlfeile Absichtserklärungen. Der schottische Folkmusiker John Martyn und der amerikanische Songwriter Vic Chesnutt sterben, und auch Michael „Zombie“ Jackson fällt zum Entsetzen von Millionen von Fans auseinander. Seine Familie fleddert schon nach kürzester Zeit ohne jede Scham die Hinterlassenschaften. Musikalisch hat sich 2009 nicht allzu viel getan, die 00er Jahre werden in gewisser Weise noch einmal rekapituliert. Mit The xx kommen junge Menschen mit einer erfreulich minimalistischen Popmusik zu verdientem Erfolg, Psychedelik und Elektronik vereinen sich, überhaupt gibt es etliche Verästelungen in allen Bereichen der sog. elektronischen Musik. Das gleiche gilt für alle Formen von Metal, in Pop, Rock und Post Rock, in leichter bis heftigster Psychedelik – überall sind Stilrichtungen in Mikro-Genres aufgesplittert – und es kommen schöne Alben zum Vorschein, die nur noch als Download konsumiert werden, was mit einem gewissen Bedeutungsverlust einhergeht. Die Anzahl an Veröffentlichungen ist unüberschaubar, „große“ Bands/Musiker/Vorreiter für eine Revolution irgendeiner Art – gibt es nicht. „Nur“ viel schöne Musik – und solche die ich ignoriere – wie etwa die durchaus talentierte Lady Gaga oder die inzwischen zu Stadion-Beschallern degenerierten Coldplay oder die Kneipenfolk Revivalisten Mumford & Sons, die man 5 Minuten gut fand, als sie versuchten, die Fleet Foxes zu sein. Viel Musik = (leider auch) viel Müll weil kein Interesse der Musikindustrie am Aufbau von Künstlern mit längerer Halbwertzeit. Kein Wunder, dass sich die musikalischen Interessen der jungen Generation eher in alternativen Kanälen sammelten.

https://music.apple.com/de/playlist/der-gro%C3%9Fe-rockhaus-2009/pl.u-xlyNqrNIka7bN8Y

Flaming Lips
Embryonic

(Warner Bros., 2009)

Die Reaktionen auf das zwölfte Album der Flaming Lips sind zunächst einmal sehr gemischt. Für die Einen ist es zu durcheinander und zu weit vom inzwischen schon zehn Jahre alten Soft Bulletin entfernt, für die andern ist es ein Schritt zurück, zu nah am alten, chaotischen Stil der Lips ca 95 – und dass Wayne Coyne das neue Album selber als „sparkeling mess“ bezeichnet, unterstützt die Meinung etlicher Kritiker, die genau das als Nachteil von Embryonic bezeichnen. Für mich aber ist es eines der besten – vielleicht das beste Album eines Jahres, in dem wenig aufregend Neues erscheint. Tatsächlich haben die Lips in den letzten zehn Jahren alles zu einem Blumenstrauß gebündelt, was sie an Pop und Kommerzialität finden konnten, und diesen Strauß dann von allen Seiten ausgeleuchtet. Nun fügen sie wieder ihre Vorlieben für Chaos und Experiment, Psychose und Dunkelheit hinzu, stecken – um beim Bild zu bleiben – dornige Äste und Kakteen in den Strauß. Will sagen, es gibt etliche Passagen, die auch an den hochinfektiösen psychedelischen Bubbelgum-Pop von Soft Bulletin erinnert , in jedem Song wird man daran erinnert, dass die Flaming Lips hervorragende Songwriter sind, und mit „The Sparrow Looks Up“ gibt es sogar mindestens einen durchgehend „normalen“ Track. Aber eigentlich lauert in jedem Song ein bisschen Wahnsinn. Embryonic ist durchzogen von Distortion, Drones und dunklen Sounds, zuckenden Gitarren, verhallten Stimmen rumpelnden Bässen und endlich wieder diesen völlig übersteuerten Drums. Und weil all das über 18 Songs gestreut wird, weil jeder Song in diverse Facetten aufsplittert, ist Embryonic ein verdammt ausgedehntes funkelndes Chaos. Die Lips waren selbst in ihren kommerziell erfolgreichsten Tagen immer ein bisschen angsteinflössend – jetzt bricht die Psychose aus (was ja schon am Covershoot deutlich wird…). Man höre nur das von Karen O’s Tiergeräuschen durchzogene „I Can Be a Frog“ oder den unheimlichen Bass von „Powerless“. Und wieder einmal haben sie mit „Convinced of the Hex“ einen magischen Album-Opener vorangestellt. Also: Dieses Album am besten mehrmals in zwei Zügen hören. Dann erkennt man die Klasse.

The xx
s/t

(Young Turks, 2009)

Auch wenn ihr sparsamer Sound 2009 ziemlich einzigartig ist – The xx sind keine Innovatoren. Sie haben eher zufällig eine Ästhetik entdeckt und weiter entwickelt, die es schon in den 80ern gab, die aber vergessen schien. Wobei man ihnen nicht vorwerfen sollte, sich bei alten Vorbildern bedient zu haben (Der Name Young Marble Giants fällt quasi reflexhaft immer wieder…) – sie konnten glaubhaft versichern, dass sie diese Band und ihr einziges Album von 1980 nicht kannten und dass sich ihre Klangästhetik logisch aus ihren Fähigkeiten, Ideen und Idealen entwickelt hatte. Romy Madley Croft macht aus ihrer limitierten Stimme und ihrem schlichten One Note Gitarrenspiel das Beste, indem sie einprägsame Gitarrenfiguren spielt, und mal murmelt, mal zurückhaltend singt, daneben spielt der ebenso schlichte aber abgrundtiefe Bass von Oliver Sim, der sich den Gesang mit Croft teilt. Dazu bedient Jamie Smith diverse elektronische Rhythmusmachinen – das Konzept ist mit dem der Young Marble Giants fast identisch. Entscheidend ist ja, was man ‚draus macht. Und mit dem Intro, mit „VCR“ und „Crystallized“ haben die drei großartige Songs irgendwo im Spannungsfeld zwischen Post-Punk, verträumter Indietronica und Alternative R&B. Dass die Lyrics nur Themen anzureißen scheinen, so wie die Melodien immer irgendwie unfertig wirken, macht gerade den Reiz aus. Dass The xx die seinerzeit so erfolgreiche Rihanna verehrten – statt irgendwelcher altvorderen Indie Heroen – mag die Nerds verwundert haben, aber auch das ist gleichgültig, wenn ein so schlüssiges, eigenständiges Ergebnis herauskommt – gepaart mit so einer schlicht/schönen corporate identity. Ich bewundere bis heute den ökonomischen Sound (und das Coverdesign) von The xx und liebe das Album für Songs wie „Shelter“, „Islands“ oder „Infinity“. Dass dieses Konzept neben Songs bald Ergänzungen brauchen würde, war klar. Das Nachfolge-Album versuchte das weniger erfolgreich, beim dritten Album wurden sie wieder besser, und Jamie Smith würde sich in den kommenden Jahre als Jamie xx zum erfolgreichen UK Bass/House-Produzenten entwickeln. Ob The xx auch in 20 Jahren noch erinnert wird? Wer weiss? Ich kann es mir vorstellen.

Animal Collective
Merriweather Post Pavillion

(Domino. 2009)

Die 00er-Jahre sind musikalisch insofern enttäuschend, als es wahrlich kaum bahnbrechenden Entwicklungen gibt – abgesehen von der Kommerziali- und Digitalisierung aller musikalischen Quellen. Man kann alles überall downloaden, jeder kann alles kennen(lernen), aber wirklich neue Ideen (wie Punk, HipHop, Techno etc.) gibt es nicht. Dafür werden Stilarten nebeneinander gestellt, vermischt und/oder verfeinert. IDM wird noch intelligenter, Psychedelic Music wird noch psychedelischer – und eine der für diese Zeit typischsten Bands sind Animal Collective. Die haben es geschafft über Jahre immer bessere Musik zusammenzubrauen, eine organische Verbindung aus Folk, Psychedelik, Techno, Pop und den Beach Boys zu schaffen, die zuletzt doch einen eindeutig eigenen Charakter hat, die Stil hat und nur nach Animal Collective klingt. Ihr ’07er Album Strawberry Jam war eines der besten Alben jenes Jahres und ’09 veröffentlichen sie ein weiteres Album und eine tolle EP. Und Merriweather Post Pavilion, (benannt nach einer Konzert-Location in Columbia, Maryland) ist tatsächlich in einigen Bereichen eine Steigerung zum Vorgänger. War Strawberry Jam eine bewusst chaotische Ansammlung von Ideen, dann ist Merriweather… ein konziser Block. Immer noch pulsieren die Bässe, blubbern die Rhythmen, immer noch werden Versatzstücke aus Pop und Minimal Techno zu kreiselnden Tracks zusammengesetzt, die scheinbar auseinanderfliegen, um sich dann anders wieder zusammen zu fügen, immer noch überlagern sich die Stimmen der vier Musiker – und heraus kommt ein psychedelisch buntes Suchbild. Man sagt, insbesondere Panda Bear’s Einfluss habe für die Pop-Obertöne gesorgt, die das Album bei aller lärmenden Farbigkeit so zugänglich und poppig bleiben lässt, aber ich denke, da war ein echtes, funktionierendes Kollektiv am Werk, das nichts mehr dem Zufall überlassen hat. Animal Collective sind keine Instrumental-Virtuosen, sondern eine Einheit, die sich aus vier Individualisten gebildet hat. Sie sind die Beatles ca. Revolver in ihrer und für diese Zeit. Ein Vergleich der auch deswegen passt, weil auch das legendäre Beatles-Album ohne Singles auskam und als Ganzes konzipiert war. Auf Merriweather… stechen Songs wie das bezaubernd-poppige „Summertime Clothes“ oder das an Mercury Rev erinnernde „My Girls“ heraus, aber letztlich muss man das Album komplett hören – und kann es kaum beschreiben, weil die Menge an Ideen so groß ist…

Animal Collective
Fall Be Kind EP

(Domino, 2009)

Dass sie immer noch Ideen übrig hatten, zeigt dann die zehn Monate später veröffentlichte EP Fall Be Kind. Die ist nicht bloße Resteverwertung, sondern hat mit „What Would I Want? Sky“ (mit Grateful Dead-Sample) und „On a Highway“ zwei Kandidaten für die besten Songs der Band dabei. Die EP ist weniger verwirbelt als das vorherige Album und – sicher auch wegen der Kürze von knapp einer halben Stunde – leichter zu verdauen. Natürlich gibt es auch hier Ideen zu Hauf, hier scheint Avey Tare den Weg bestimmt zu haben (sagt man), aber genau diese EP mit ihrer Ökonomie brachte mich dazu, die Doppel-LP Merriweather… seither auch in kleiner Dosierung zu hören. Sie ist eine perfekte Ergänzung und IMO unverzichtbar.

The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble
Mutations EP

(Ad Noiseam, 2009)

Und wieder: Ich liebe dieses Projekt/diese Band – aber kaum einer kennt sie und trotzdem gehört für mich ihre 2009er EP und Album zum Wichtigsten und Besten dieses Jahres und daher….. Ihr wisst ja. Das Kilimanjaro Darkjazz Ensemble (ab jetzt KDE) stammt aus den Niederlanden, hat sich 2000 um die Jazz/Elektronik-Musiker Jason “Bong-Ra” Köhnen und Drummer Gideon Kiers in der Kunstszene Utrechts gebildet, und war zunächst angetreten, um Musik für klassische Stummfilme zu erschaffen. Mit der Zeit erweitere und verselbstständigte sich das Repertoire und diverse andere Musiker stießen dazu, die den Sound um insbesondere „organische“ Komponenten wie Streicher, Bläser und Stimme zu erweitern. Mit der EP Mutations und dem nachfolgenden Album Here Be Dragons sind sie an einem künstlerischen Höhepunkt angekommen. Ganz einfach – es gibt keinen, der so klingt wie KDE. Diese Musik ist kein Post-Rock, kein dunkler Industrial, kein Downtempo/Trip Hop und auch kein Jazz – KDE verbinden all diese Einflüsse zu einer Musik, die sie selber Dark Jazz nennen. Eine Musik mithin, deren Reiz sich nicht so sehr aus „Songs“ speist, als vielmehr aus der entstehenden Atmosphäre. Die EP Mutations ist mit ihrer Länge von 35+ Minuten zwar ein echter „Longplayer“, aber sie hat nicht den Zusammenhalt, den das nachfolgende Doppelalbum Here Be Dragons aufweist – was Mutations nicht schlechter macht. Hier stehen die Tracks einzeln für sich, jeder scheint in einem zeitlosen Raum zu schweben, in einer nebligen Atmosphäre, in der graue Electronica-Farben über dunkelroten Jazz in schwarze Post-Rock Tönungen verlaufen. Die acht Stücke haben die gelungene Verbindung von elektronischen Texturen, jazzigen Untertönen und einer cineastischen Atmosphäre gemeinsam, die zu jedem Track Bilder entstehen lässt.

The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble
Here Be Dragons

(Ad Noiseam, 2009)

Aber wenn man bei Mutations acht verschiedene Kurz-Filme sieht, dann ist Here Be Dragons der Soundtrack zu einem kompletten Film. Der Titel des Albums spielt auf die Anmerkungen auf mittelalterlichen Landkarten an, auf denen unbekannte Territorien mit dem Hinweis versehen wurden, dass dort Drachen leben könnten. Solche unerforschten Gebiete werden hier in einer Mischung aus Improvisation, elektronischer Manipulation und festgelegten Grundstrukturen vermessen. Here Be Dragons ist „organischer“ als die EP, mit Charlotte Cegarra haben die beiden Bandköpfe eine Stimme dabei, die gekonnt zwischen Blues, Jazz und Klassik changieren kann, Gideon Kiers Drumming trägt genauso zur Beunruhigung bei, wie Jason Köhnen’s elektronische Sounds. Und wenn auf Mutations die Atmosphäre überhand nahm und die Melodie komplett unwichtig wurde, dann haben die Musiker hier anscheinend Wert darauf gelegt, erkennbare melodische Struktur als Insel zu unterlegen. Here Be Dragons ist der Grund, warum diese Band bei mir hier auftaucht, es ist ein nuanciertes Album, erfüllt von an- und abschwellendem Rauschen und Dröhnen, episch und zugleich subtil, eine Erweiterung dessen, was Massive Attack mit Mezzanine gemacht haben, in Bereiche, in die noch niemand vorgedrungen war – auch wenn Bohren und der Club of Gore oder das Dale Cooper Quartet in ähnlichen Gewässern segeln mögen. Immerhin hat Denovali diese Meisterwerke inzwischen wiederveröffentlicht…

Fever Ray
s/t

(Rabid, 2009)

Die Schwedin Karin Dreijer Andersson hat seit Ende der Neunziger mit Honey Is Dead (sozusagen unter Ausschluß der Öffentlichkeit…) und mit The Knife (erfolgreich…) ein paar ganz famose Alben gemacht. Insbesondere Silent Shout von 2006 war eine grandiose Erneuerung von Synth-Art-Pop – avantgardistisch und zugleich zugänglich – und dass sie dann drei Jahre später unter dem Moniker Fever Ray dermaßen beeindrucken konnte, war insofern nicht überraschend. Sie war beim Geschwister-Duo The Knife gleichberechtigte Kreativ-Partnerin und hatte beschlossen, in der nach der Geburt des zweiten Kindes genommenen Pause das Material zu veröffentlichen, das sich bei ihr angesammelt hatte. Sich dazu hinter dem Alias Fever Ray zu verbergen und nicht als erkennbare „Person“ aufzutreten, stand im Einklang mit dem Konzept hinter The Knife. Die Musik auf Fever Ray ist allerdings erfreulich eigenständig. Natürlich ist ihre Handschrift erkennbar, aber sie jagt ihre Stimme durch hunderte von Effektgeräten, beim irgendwie tribalistischen „Concrete Walls“ fast bis zur Unkenntlichkeit, sie verlangsamt das Tempo im Vergleich zu The Knife und klingt dadurch – und durch eine gewisse „Faulheit“ in der Ausstattung der Songs – um einiges düsterer als auf den Knife-Alben. Interessanterweise klingt die Musik auf Fever Ray sehr organisch, trotz des fast ausschließlichen Einsatzes von Synthesizer, Drum-Machines und Stimmverfremdung. Sie hat Teile mit der Gitarre eingespielt, diese Samples aber dann verändert und regelrecht verschwinden lassen. Eines der deutlich erkennbaren Themen des Albums ist ihre Mutterschaft, besagtes „Concrete Walls“ behandelt das Thema aus Sicht der übermüdeten Mutter, bei Songs wie „When I Grow Up“ und „Seven“ wechselt sie in die Perspektive des Kindes – eine gewisse Distanz gehört wohl zum Konzept. Fever Ray ist ein tiefblaues, seltsam schönes, sehr eigenständiges Album mit zehn Songs, die in jedem Gewand funktionieren würden und wenn sie sich von Kram wie dem 80er Miami Vice Soundtrack oder Phil Collins beeinflusst sieht (wie sie in Interviews sagte), dann hat sie da nur das Gute verarbeitet. Dass sie zu den Live-Auftritten mit Masken und/oder bemaltem Gesicht auf der Bühne stand, ist konsequent – und so schlüssig wie das komplette Album. Und übrigens: Dass sie mit Björk verglichen wird ist kompletter Unsinn – damit tut man gleich zwei tollen Musikerinnen unrecht.

Ben Frost
By the Throat

(Bedroom Community, 2009)

Ben Frost ist ein australischer Komponist, Musiker und Produzent, der sich in den letzten Jahren einen Namen durch seine Zusammenarbeit mit den Swans und Tim Hecker gemacht hat. Er passt hervorragend in eine Zeit, in der Alles mit Allem kombiniert wird, weil auch er sich durch Klassik, Minimal Music, Punk und Black Metal beeinflusst sieht – aber er wäre nur einer von Vielen, wenn er nicht die Fähigkeit hätte, all diese Einflüsse unter einen Hut zu bringen – mit Ergebnissen wie dem ’06er Album Theory of Machines oder mit diesem Meisterstück hier. By the Throat ist elektronische Musik – oder Avantgarde, Dark Ambient, Drone, whatever – wie sie atmosphärisch dichter, härter, erschütternder und bedrückender nicht gemacht werden kann. Der Covershoot mit Wölfen in einer eisigen Industrielandschaft gibt die Stimmung von By the Throat genauso gut wieder, wie der Titel des Albums. Der Film, für den dieses Album den Soundtrack liefern könnte, wäre kein angenehmer. Da wäre der Opener „Killshot“, bei dem der elektronische Subsonic Bass die Luft aus dem Raum zu saugen scheint, da geht es weiter mit knurrenden Wölfen und dem Doom Piano von „The Carpathians“ und hört noch nicht mit dem keuchenden Rasseln am Ende des zunächst so tröstlichen „Híbakúsja“ auf. Aber es ist nicht so, dass hier einfach nur Angst erzeugt wird. „Leo Needs a New Pair of Shoes“ ist mit seiner schlichten Piano/Banjo-Melodie kühl und schön, und wenn man hinter all diese Tracks blickt, findet man eine Ansammlung liebevoller, vielschichtiger Details. Bei den Aufnahmen auf Island (wo Frost auch lebt) haben ihm das String-Quartett Aminaa und der Komponist Nico Muhly geholfen. Das Cover und die immer wieder auftauchenden Wölfe auf diversen Tracks suggerieren gewollt eine Handlung, und jeder einzelne Track ist ein Kapitel in einer Geschichte, die man selber denken soll. Das Triptychon, welches das Album beendet, reisst aus der relativen Ruhe und Klarheit von „Leo…“ mit pulsierendem Noise a la Aphex Twin heraus und endet dann im weissen Rauschen eines Testbildschirmes. By the Throat ist ein Ideen-Overkill – ein durchgehend spannendes Album von starkem Charakter – was bei dieser Art Musik keine geringe Leistung ist. Ein „Klassiker“? You bet.

Mos Def
The Ecstatic

(Downtown, 2009)

Der Rapper und Schauspieler Dante Terrell Smith aka Mos Def hatte sich mit seinem Debüt Black on Both Sides (’99) und dessen 2004er Nachfolger The New Danger mal einen sehr guten Ruf in der schwarzen Community erspielt. Er gehörte zu den Rappern, deren politische Äußserungen gehört wurden, dessen Kritik an Polizei-Brutalität oder dem strukturellen Rassismus in den USA beachtet und dessen Style bewundert wurde. Er war einer, der die richtigen Leute kannte und mit ihnen zusammenarbeitete: The Roots, dem da noch nicht komplett bekloppten Kanye West, Q-Tip, De La Soul, Talib Kweli, mit dem er ein großartiges Duo-Album als Black Star gemacht hatte… aber dann hatte er sich auf seine Film-Karriere konzentriert und die Plattenfirma im Unfrieden verlassen – und ging zum Indie Downtown und nahm in LA mit den Freunden Madlib, dessen Bruder Oh No, und wenigen anderen Gästen sein Meisterwerk und das beste HipHop-Album 2009 auf. Der Mann hatte ein Vision – und er stellte hohe Ansprüche an seine Hörer. Der Titel The Ecstatic bezieht sich auf ein Buch des schwarzen Autors Victor LaValle, die Themen der scharfzüngigen Texte sind weit gestreut. Es geht um nichts weniger als Liebe, Hass, Krieg, Politik und Spritualität in einer schwarzen, internationalen Gesellschaft. Es wird aus allen Ecken gesamplet, der Opener „Supermagic“ beginnt mit einem Malcolm X Sample und verarbeitet dann „Ince Ince“ vom türkischen Popstar Selda Bağcan. Brasilianische Musik, arabische Musik und natürlich Soul – dazu eine ausgefeilte Produktion und sein unnachahmlicher, cooler Flow… The Ecstatic hat keine „Hits“ in dem Sinne, keine Tracks, die sofort im Ohr bleiben, aber dafür ist es ein sehr abwechslungsreiches Album, das an etlichen Ecken aus der HipHop-Schublade herausragt. Klar, was gemeint ist – Mos sieht sich als internationaler Botschafter des HipHop, oder besser – der „schwarzen Musik“. Und er bezieht sich weitsichtig auf all die Hoffnungen, die der gerade gewählte erste schwarze Präsident der USA weckt – und den Hass, den dieser bei reaktionären, weissen Amerikanern auslöst. Es ist ein spannendes, abwechslungreiches Album, das trotz der inhaltlichen Tiefe richtig Spaß macht. Dass der kommerzielle Erfolg bescheiden blieb, veranlasste Mos Def, sich von der Muskindustrie zu verabschieden. Schade. Nach einer Tour beendete er faktisch seine Karriere als Musiker.

The Unthanks
Here’s the Tender Coming

(Rough Trade, 2009)

Meine Meinung, dass Here’s the Tender Coming von den Unthanks eines DER Alben 2009 ist, mag nicht von Vielen geteilt werden. Aber hey – das ist schließlich mein Buch hier. Und die Ansicht, dass das dritte Album der beiden Geschwister Unthank + Gefolge aus dem Nord-Osten Englands das schönste Folk-Album des Jahres ist, wird zumindest von Conaisseuren der klassischeren Seite britischer Volksmusik geteilt werden. Man mag sich die Frage stellen, inwieweit Folk in dieser Zeit noch von Belang ist. Seit den goldenen Zeiten des britischen Folk-Rock kurz vor/nach 1970 hat sich im Genre außer seiner Elektrifizierung nicht sehr viel verändert. Die Künstler der 68er Generation sind in Würde gealtert und die Musik, die sie immer noch machen, schöpft nach wie vor aus alten Quellen. Erst die Free- und Freak-Folk Adepten der 90er und 00er haben Folk in eine weniger traditionelle, avantgardistische Richtung getrieben – wobei Musiker wie Joanna Newsom oder Devendra Banhart diverse vergessene Heroen des britischen und amerikanischen Folk der 60er und 70er zurück ins Bewusstsein gehoben haben (Vashti Bunyan, Linda Perhacs, die Incredible String Band). Mit den beiden Schwestern Becky und Rachel Unthank traten hier aber junge, mehr den alten Traditionen verpflichtete Musikerinnen ins Rampenlicht. Junge Frauen, die wieder traditionelle Songs interpretierten und auf der Bühne Clog-Dance praktizierten. Here’s the Tender Coming war ihr drittes Album, (das erste unter dem Namen Unthanks) und sie waren nach zwei ebenfalls sehr gelungenen Alben zu einer neun-köpfigen Band angewachsen. Die Basis ihrer Musik lag zwar ausserhalb von Psychedelic und Freak-Folk – aber das bedeutete nicht, dass sie nur die Rezepte der 60er aufbereiteten. Auf den bisherigen zwei Alben als Rachel Unthank & the Winterset hatten sie neben Traditionals auch Nick Drake oder Robert Wyatt gecovert, hier wurde die 60er Folk-Meisterin Anne Briggs gecovert, es gab ein paar altvordere und einige selbst-geschriebene Songs – und sie alle bekamen durch teils recht ungwöhnliche Arrangements einen ganz eigenen und spannenden Charakter. Das extrem eingängige „Lucky Gilchrist“, geschrieben vom Keyboarder und Arrangeur Adrian McNally, klang als wäre es von Sufjan Stevens, „Annachie Gordon“ wurde so traditionell eingesungen, wie sein Ursprung es verlangte, basierte aber auf der Version von Nic Jones, einem weiteren Folk Heroen der 70er. Der Fokus lag immer wieder auf den unterschiedlichen und doch so trefflich harmonierenden Stimmen von Rachel und Becky Unthank. Man höre nur das erschütternde „The Testimony of Patience Kershaw“ – basierend auf einem Gedicht über das Leid der Kinder in viktorianischen Kohleminen, oder den fröhlichen Titeltrack. Die charakteristischen Stimmen der beiden Schwestern und die intelligenten Arrangements machen Here’s the Tender Coming zu einem beeindruckenden Album – zu einem, das alt und modern zugleich klingt und zu einem Album, das mehr Leute an Folk heranführen könnte – wenn jemand zuhören würde….

Natural Snow Buildings
Daughter of Darknessj

(Blackest Rainbow, 2009/Ba Da Bing 2013)

Dies ist das Cover der 6-CD Package von Ba Da Bing

Vorab – der Gedanke „Obskur… und deshalb besonders toll“ spielt bei mir keine Rolle. Das meint, dass ich das französische Duo Mehdi Ameziane and Solange Gularte aka Natural Snow Buildings nach deren 2006er Mammutwerk The Dance of the Moon and the Sun auch 2009 in den Stand der 12 (mir am) wichtigsten (erscheinenden) Alben hebe, weil ich finde, dass dieser „Act“ sehr aussergewöhnliche und großartige Musik macht. IMO „wichtige“ Alben, deren Verbreitung allerdings leider kaum stattfindet, weil die beiden ihre Produkte grundsätzlich in Mini-Auflagen veröffentlichen. Ab 2012 hat das Label Ba Da Bing immerhin ein paar ihrer gargantua’schen Werke in größerer Stückzahl zugänglich gemacht. Und einer der ganz großen Würfe dieser Band war das 2009 im Fünf (!)-Cassetten-Format beim ehrenwerten Label Blackes Rainbow in einer schönen Box veröffentlichte 6+ Stunden Mammutwerk Daughter of Darkness…. welches Ba Da Bing dann 2013 als 6-CD/8-LP Box zu veröffentlichen wagte. Als Einstieg in den NSB-Kosmos würde ich diesen Marathon somit nicht empfehlen… Oder gerade das lockt dich an. Hier konzentrieren sich die beiden Musiker mit voller Konsequenz auf die Erschaffung von Stimmungen durch gelayerte, psychedelische Drones. Dass dann über 20, 30, ja sogar über 40 Minuten Gitarren, Mandolinen, Rückkopplungen, Flöten, Percussion-Instrumente aller Art in einem einzelnen Track einen kompletten Berg aufbauen, ist die Absicht bei diesem Album. Die beiden mögen in anderen Fällen mehr Wert auf eine saubere Produktion gelegt haben, hier geht es schlicht nicht um so etwas. Hier gibt es beängstigende, regelrecht apolkalyptische Tracks wie das 45-minütige „Devil’s Fork“, in das aber auch wunderschöne Feedback-Wellen einbrechen. Es gibt – als Erholung – die gerade mal 12 süßen Minuten von „Body Double“, es gibt mit dem darauf folgenden „The Source“ ein einziges Mal eine Art „Song“ – aber dieses Album – und die Musik der Natural Snow Buildings will vermutlich nicht „Folk“ sein. Die machen Noise schön, Drone abwechslungsreich, Psychedelik zum Riesen-Eisberg. Ich habe auf brainwashed.com eine schöne Analogie zu Daughter of Darkness gelesen: ….it is less like great, brilliantly realized art than it is like being trapped in a museum that is on fire (while an earthquake simultaneously rages). There would certainly be beauty, vision, and genius all around me, but that definitely would not be what I remembered about the experience, which would be a lot more lasting, deep, and unique than simply seeing a lot of nice things“.

Natural Snow Buildings
Shadow Kingdom

(Blackest Rainbow, 2009)

Leider haben Ba Da Bing die gleiche Re-Release Behandlung dem zweiten 2009er Block nicht zukommen lassen: Shadow Kingdom gab es nur in geringer Stückzahl als Doppel-CD und 3-fach LP + Comic (von Solange Gularte gezeichnet) auch auf Blackest Rainbow. Dabei ist Shadow Kingdom mit 160 Minuten Spielzeit eine für NSB-Verhältnisse fast ökonomisch kurze Angelegenheit – (Bei den Beiden muss man andere Zeit-Maßstäbe anlegen). Und WIE sie das mit der Zeit machen, kann man auch hier schon am Opener des Albums ablesen: „The Fall of the Shadow Kingdom“ dauert geschlagene 24 Minuten – und ist keine Sekunde zu lang. NSB erlauben es sich wieder, Spannung gaaanz laaaangsam aufzubauen. Sie spielen mit Drones – die durchaus „eintönig“ sein könnten – wie kein anderer Act. Sie sind Meister darin, immer neue Nuancen einzubauen, die vorbeischweben wie Nebelschwaden, die aber auch immer wieder den Blick auf wunderbare, zugleich zutiefst desolate Landschaften eröffnen. Thematisch liegt besagtes Königreich in Trümmern und seine Bewohner suchen Rettung, finden Horror, verlieren sich, werden wieder gerettet, suchen und finden irgendwann Frieden. Nach den 24 Minuten des Openers kommt mit „Gorgon“ einer der NSB-typischen Folk-Tracks, dann verlieren sie sich wieder in psychedelischen Landschaften, es gibt noch zwei weitere 24-Minüter, es gibt hier aber auch immer wieder wunderschöne kurze Folksongs als Zwischenspiele – man kann sich daran stören, dass wieder alles zu lang, zu groß, zu weit ist… Aber wie beschrieben – genau das ist die Musik der Natural Snow Buildings: Lange Erzählungen, für die sich diese beiden Musiker gegen jede kommerzielle Erwägung alle Zeit lassen. Wie gesagt: Die Unmöglichkeit, ihre Alben in physischer Form zu finden, ist ein absolutes Ärgernis. Sie nehmen – (laut einem Interview auf brainwashed.com) wohl auch aus den dargestellten Gründen an , dass es zu wenige Menschen gibt, die sich für ihre Alben interessieren, dass mp3 Files auch reichen. Ich will hier mal ganz laut rufen – NEIN!!!!

TwinSisterMoon
The Hollow Mountain

(Ultra Hard Gel, 2009)

…und auch dieses Album gehört zum Natural Snow Buildings 2009 Konvolut. TwinSisterMoon ist das Alias von Mehdi Amezaine, dem maskulinen Teil des Duo’s – und natürlich hat das dritte Solo-Album des Multi-Instrumentalisten und Sängers etliches mit den Alben gemein, die er mit seiner Partnerin zusammen aufnimmt. Im Vorjahr hatten beide als Isengrind (Solange Gularte’s aka)/ TwinSisterMoon/ Natural Snow Buildings mit The Snowbringer Cult ein 2 ½ Stunden Werk veröffentlicht, 2009 fand Amezaine „nur“ noch Zeit für ein Solo Album mit acht Tracks in knapp 40 Minuten. Ein „normales“ Album also, was die Länge betrifft. Der Inhalt aber ist eben auch vielversprechend – ich empfehle The Hollow Mountain als Ergänzung zu den beiden 2009er NSB Mammut-Werken… oder zum letztjährigen Grouper-Meisterwerk Dragging a Dead Deer Up a Hill. Wobei TwinSisterMoon sich natürlich in der Sound-Ästhetik der Natural Snow Buildings bewegt. Der Opener „Druids“ beginnt, wie das typische NSB-Drone Monster. Mit Flöten, mit Feedback, mit arkaner, tribalistischer Atmosphäre, die sich nach 2:30 in einen schamanistischen Tanz verwandelt. Und dann kommt im Anschluss mit „Sun Snaring“ ein völlig der End-Sechziger Hippie-Folk Ästhetik verpflichteter Track, in dem Amezaine singt wie ein bretonisches Blumenkind. Auch hier ist jeder Track der Atmosphäre verpflichtet – aber als Solo-Künstler wollte Amezaine sich kurz fassen und statt ellenlanger Drones das Songwriting nach vorne schieben. Wobei dies wiederum so zurückgenommen ist, die Tracks so sanft dahinfliessen, dass sie gleichsam im Nebel zu verschwinden scheinen. Ein Nebel übrigens, der ein keltisches Feenreich verbirgt, aus dem Songs wie „Bride of the Spirits” erklingen – bis man dann über die Horror-Film-Zeilen „Come to me, my only child- I’ll just eat your flesh” stolpert. Dass NSB bzw die beiden Musiker das Horror-Film Genre lieben und mit diesem immer ihre Songs auf eine weitere Ebene heben, weiss man ja, wenn man ihre Alben genauer anhört… oder die großartigen Artworks von Solange Gularte (auch auf The Hollow Mountain) bemerkt hat. Dieses Album schwebt zwischen den Welten uralter Songwriter-Kunst und den atmosphärischen Drones, die beide Musiker können. Ja – man muss sich Zeit nehmen in ihrer Welt .Aber ihre Musik ist aussergewöhnlich in einem Maß, das ich sonst nicht kenne.

Bill Callahan
Sometimes I Wish We Were An Eagle

(Drag City, 2009)

Ähnlich wie jede Form von Folk(lore)-Musik hinterlässt auch das sog. Singer/ Songwriter-Genre seit Ewigkeiten Spuren in der Populärmusik. Folk war die Grundlage, auf der Songwriter ab Mitte der Sechziger ihre Nabelschauen und Beobachtungen mit günstigenfalls gelungenen eigenen Songs, eigenen Texten und mit einem eigenen Stil in die Welt setzten. Und bis heute hat sich Nichts daran geändert, dass man jedes Jahr großartige Ergebnisse dieser Kunst in Albumform genießen kann – so wie 2009 Bill Callahan’s zweites Album unter eigenem Namen (zuvor hatte er unter dem Pseudonym Smog gearbeitet…). Sometimes I Wish We Were An Eagle ist große Kunst – und steht in einer Reihe neben Alben von Cohen, Cave, Dylan, Drake oder Waits – und ich bin mir dessen bewusst, dass sich ob einer solchen Behauptung etliche Konservative empören mögen. Ob Musiker einer jüngeren Generation die Altvorderen übertreffen können, kann man an anderer Stelle untersuchen, Songs schreiben und selber interpretieren ist eben eine alte Kunst – und ob sie in den 00er Jahren noch aktuell ist, ist Ansichtssache. Hier geht’s zunächst mal nur um dieses Album. Bill Callahan klang auch schon unter dem Smog-Moniker wie Einer, der etwas zu sagen hatte – auch wenn er dazu eine private, mitunter fast autistische Sprache verwendete, voller hermetischer Inside Jokes und seltsamer Bilder, die man genau ansehen musste um sie zu verstehen. Er beobachtete seine Umwelt von außen, aber der erstickenden Trauer früher Jahre war einer gewissen Altersmilde gewichen. Nicht dass Callahan zum Witzbold geworden wäre, aber er reflektierte seine Umwelt nun freundlicher – wenn auch immer noch mit einer gewissen Boshaftigkeit, wenn er beim munteren „Eid Mad Clack Shaw“ etwa sang: „Love is the king of the beasts/And when it gets hungry it must kill to eat“. Inzwischen kleidete er seine melodisch so reduzierten Songs in ein üppigeres Gewand aus Piano, schwebenden Gitarren, Geigen und Hörnern – auch wenn sein Bariton bei allen Songs erschreckend weit vorne stand. All das ließ seine unbequemen Beobachtungen angenehmer klingen, als man es bei Smog gewohnt war – was wiederum alte Fans abgeschreckt haben mag. Callahan hatte immer ein Händchen für schlichte, ergreifende Melodien – und die glänzten bei Songs wie „All Thoughts Are Prey to Some Beasts“ verführerisch (…und er sang eindeutig „…Zombies“ statt „…Some Beasts“). Sometimes I Wish We Were An Eagle ist die Erweiterung eines Kosmos, den Callahan in den Jahren zuvor geschaffen hatte. Es ist eines der ganz großen Alben eines sehr alten Genres. Man kann dazu altmodisch oder zeitlos sagen. Mir egal, ich höre ein tolles Album.

Califone
All My Friends Are Funeral Singers

(Dead Oceans, 2009)

Beim Aussuchen der wichtigsten zwölf Alben für die Jahre ab 2000 bin ich (natürlich) oft hin und her gerissen. Da gibt es immer etliche weitere Alben, die es verdient hätten hervorgehoben zu werden und die zu „Klassikern“ werden könnten. So gibt es ’09 neben Bill Callahan’s …Eagle auch einzigartigen Singer/Songwriter Stoff von Antony Hegarty. Oder von Mount Eerie. Und auch Grizzly Bear’s Veckatimest ist ganz hervorragend – aber es ist auch wie die Alben von Animal Collective Psychedelic Rock 4.0. Und was ist mit dem tollen UK Bass von Shackleton oder dem Metal/Hardcore von Converge? Aber ich wähle immer auch Alben aus, die mir im Moment des Schreibens am besten gefallen. So wie All My Friends Are Funeral Singers von Califone: Ein Album, das irgendwo zwischen Alt-Country, Psychedelic Folk und Avantgarde hin und her schwankt. Eines, das eigentlich als „Soundtrack“ zu einem Film des Bandkopfes Tim Rutili dient – also ein Album mit filmischem Konzept. Einst sind Califone aus der honorablen Band Red Red Meat hervorgegangen – einer Band, die in den Neunzigern mindestens mit ihrem dritten Album Bunny Gets Paid auf dem Sub Pop Label einen (der vielen) vergessenen Klassiker des alternativen Folk/Rock gemacht hat. Mit Califone war Rutili seit Beginn der 00er recht produktiv und hatte vier gelungene Alben gemacht – ich würde mindestens das Debüt (Roomsound von 2001) jedem empfehlen, der stilsicher-windschiefen Country/Folk mag, aber der Höhepunkt in der Karriere von Califone ist All My Friends Are Funeral Singers. Für Album und Film ließ die Band sich drei Jahre Zeit und weil die Songs sich an der Handlung des Filmes orientieren, ist der Flow des Albums je nach Ansicht ungleichmäßig oder abwechslungsreich. Der Film handelt vereinfacht gesagt von den Erlebnissen einer jungen Frau namens Zel, die mit der Hilfe von Geistern als Medium arbeitet und diesen Geistern helfen will, aus dem Haus auszubrechen, in dem sie gefangen sind. Der Film ist bei weitem nicht so spannend, wie das begleitende Album. Rutili hatte etliche gelungene Songs auf Lager – ob es sich um Balladen wie „Krill“ oder „Evidence“ handelt oder um Country-Folk-Rocker wie „Buñuel“, „Ape Like“ oder „Salt“. Immer gab er den Songs seltsame kleine Haken, die sie aus dem üblichen Alt-Country-Feld herausheben, immer wieder biegen die Melodien ín überraschende Richtungen ab und irgendein seltsames Zischen, Klackern oder Rauschen legt sich unter die schönen Melodiebögen. Manchem ist …Funeral Singes ZU vielfältig – denen seien andere Alben der Band empfohlen. Aber Rutili/Califone und Red Red Meat haben ganz einfach immer seltsame Musik gemacht. Das macht den Reiz aus und bringt gerade dieses Album hier hin…

Vektor
Black Future

(Heavy Artillery, 2009)

Das Gleiche, was ich über Singer/ Songwriter-Musik gesagt habe, kann man über „harte Musik“ = Metal in jeder Form sagen. Den gibt es schon seit 40 Jahren und immer noch stößt man auf reine Diamanten. Vektor sind eine US-Thrash Metal Band aus Arizona, und mit ihrem zweiten Album Black Future starten sie ein Revival dieser speziellen Form von Metal, die bis weit in die 10er Jahre reicht. Freilich haben Vektor den Vorteil, dass sie ein Feld beackern können, das in den 80er/90er Jahren schon reichhaltig bestellt wurde. Sie müssen nicht – wie dereinst Metallica und Slayer – erst einmal einen „Stil erfinden“ – sie bauen auf dem auf, was ihre Vorbilder geschaffen haben. So ist dieses Album für eine junge Band musikalisch sehr ausgereift. Auf dem Debüt Demolition waren die Vorblider Kreator, Destruction und Voivod noch deutlich herauszuhören gewesen, auf Black Future ergänzen sie ihren technoiden Thrash noch um Death/Black Metal-Einflüsse von alten Helden wie Coroner und Death – insbesondere beim Gesang von David DiSanto – der mit Black Metal-Gekreische eventuelle Schwächen seiner Stimme genausogut überdeckt, wie James Hetfield es mit seinem Hardcore-Gebell bei Metallica gemacht hat. Ab und zu wird Bassist Frank Chin so losgelassen, wie Metallica es dereinst Cliff Burton erlaubten und über all dem throhnt das virtuose Drumming von Blake Anderson. Dass Erik Nelson und DiSanto als Gitarristen alle Tricks ihrer Vorfahren ‚drauf haben, ist da nur noch eine Selbstverständlichkeit, die zur Intensität dieses Albums beiträgt. Aber ohne solch halsbrecherische Riffgewitter wie „Oblivion“ oder das epische „Forests of Legend“ wäre alle Technik nutzlos. Wie bei allen wichtigen Metal-Alben sind es die großartigen Songs, gepaart mit instrumentaler Wucht und einem schlüssigen Konzept, die ein Album aus der Masse herausheben. Dass Vektor Voivod verehren – und deren dystopischen Sci-Fi Metal ins neue Jahrtausend heben – lässt sich schon am kvltigen schwarz-weiss Cover erkennen, aber Vektor haben mit Black Future eine willkommene Wiederbelebung des Thrash-Metal hinbekommen, indem sie ihn um einige artfremde und moderne Elemente erweiterten. Dass diese Musik nicht den kommerziellen Erfolg von Metallica zur Zeit des schwarzen Albums haben würde, versteht sich. Damals waren Metallica schließlich auch nicht mehr innovativ bzw. spannend. Vektor würden die Versprechen dieses Albums in den kommenden Jahren einlösen – wobei sie an Wucht verloren und Technik zulegten – auch ein typisches Schicksal.