Zum einen ist es – wie im Hauptartikel 1959 erwähnt, – das Jahr, in dem mit Buddy Holly einer der Hoffnungsträger am day the music died bei einem Flugzeugabsturz umkommt (zusammen mit The Big Bopper und Richie Valens, über dessen mögliche Karriere man mit dem hier beschriebenen Debüt-Albums spekulieren kann). Derweil ist Elvis bei der Army in Deutschland – und unter der Fuchtel seines Managers Col. Tom Parker nur noch durch die unten beschriebenen Compilations und mittelmäßige Teenager-Filmchen präsent. Chuck Berry kommt Ende des Jahres mit dem Gesetz in Konflikt, Little Richard ist religiös geworden und sein ’59er Album ist genauso – gelungene – Resteverewertung, wie die Elvis-Compilations. Allgemein gilt Rock’n’Roll als abflauender Trend, die Jungen Leute werden sich schon beruhigen und langsam wird die Revolte in der Musik der Jugend weich gespült. Allerdings gibt es auch dabei durchaus tolle Ergebnissen – siehe Ricky Nelson, dem ich mit seinem countryfizierten Rock’n’Roll deshalb einen Platz im „Hauptartikel 1959“ eingeräumt habe… Und so gibt es in diesem Kapitel Alben von Elvis, Little Richard und Chuck Berry mit Tracks und Singles, die auf den Alben der Jahre zuvor nicht verwertet worden waren. Die ’59 veröffentlichte Compilation The Buddy Holly Story lasse ich wegen der vielen Überschneidungen mit dem Material der beiden vorherigen „regulären“ Alben aussen vor. Es gibt natürlich auch ein paar neu zusammengestellte Alben (die wie zu dieser Zeit üblich eigentlich Zusammenstellungen von Singles plus ein paar eilig dazu gezimmerte Tracks sind) von weniger berühmten Zeitgenossen wie Ronnie Hawkins, und es gibt den immer stärkeren Trend, in dem Country sich ein paar Ungehörigkeiten des Rock’n’Roll aneignet (siehe im entsprechenden Country-Kapitel ’59…). Und dann ist da Vereinigten Königreich mit Cliff Richard einen ersten erfolgreichen Eleven Elvis‘ in Europa – aber es stimmt schon: Der Rock’n’Roll–Zug verliert aus verschiedenen Gründen an Fahrt, was es sinnvoll macht, zum Abschluss eine detailliertere Zusammenfassung darüber zu verfassen, was mit den Helden des Rock’n’Roll in dieser Zeit geschehen ist.
Ricky Nelson – Ricky Sings Again
(Imperial, 01/1959)

Die „Pop“ Musik Ende der Fünfziger/ Anfang der Sechziger gilt als schwachbrüstig und seicht. Aber es gibt positive Beispiele dafür, wie Rock’n’Roll mit Stil umgebaut und verändert wird: der gerade 19-jährige Ricky Nelson ist ein junger (Film)Star, der die Band Elvis‘ um sich schart und seit zwei Jahren America’s favorite Teenager ist…
Ricky Nelson – Songs by Ricky
(Imperial, 09/1959)

…und der Typ hat ein Ohr für tolle, geschmackvolle Songs, seine Gesangsstilistik kann sich inzwischen mit den Besten messen und die beiden ’59er Alben sind perfekt in ihrer seidigen Sanftheit, darin, wie sie den Drive des Rock’n’Roll ohne dessen Wildheit zitieren und in der Art, wie hier die gute alte Countrymusik eingebaut ist. Auf ihre Art sind Nelson’s Alben No. 3 und 4 visionär… und daher im Hauptkapitel ’59 genauer beschrieben.
Elvis Presley
For LP Fans Only
(RCA, Rel. 1959)

In der Zeit von 1958 bis ’60, in der Elvis in Deutschland bei der Army stationiert war, versuchten RCA und Col. Parker alles, um weiter Geld in ihre Taschen fließen zu lassen. Vor dem Militärdienst waren ein paar Singles aufgenommen worden, und es fand sich noch einen Haufen verwertbares Material von EP’s und aus Elvis‘ Zeit bei Sun Records. All das wurde zwischen ’58 und Ende ’59 auf vier Compilations auf den Markt geworfen. Nun – Elvis war ein Teenie-Schwarm, der auch das LP-Format ganz erfolgreich besetzt hatte und so lief die Promotion-Maschine weiter wie geschmiert. Elvis war für Parker nicht so sehr „Künstler“, als viel mehr Goldesel und ließ das gerne mit sich machen. Die Compilations immerhin sind gespickt mit Songs, die es in sich hatten. For LP Fans Only war im Februar ’59 die No.2 nach Elvis Golden Records aus dem Vorjahr. Hier gab es fast ausschließlich Songs, die zuvor nur als Singles veröffentlicht worden waren, quer durch die paar Jahre, quer durch’s Repertoire. Der Titel der LP war ja eindeutig – große LP-Verkäufe waren bei Rock’n’Roll-Künstlern eigentlich nicht geplant, aber Elvis hatte mit seinen bisherigen Alben und Soundtracks Erfolg und Geld eingebracht. Dass das Material hier so gemischt ist, schadet nichts. Die Idee, ein „Album“ mit Konzept und durchdachter Songabfolge zu machen, gab es noch nicht. Elvis-Fachleute werden sicher jedes Album des Meisters sinnvoll finden, ich denke, For LP Fans Only und die beiden hier im Anschluss beschriebenen Nachfolger reichen als Überblick aus. „That’s All Right“ und „Mystery Train“ sind essenziell. „My Baby Left Me und „Shake Rattle and Roll“ fast genau so. Hier und da sind Songs, die etwas schwächer sein mögen, aber Elvis WAR in der Zeit vor 1960 eben vor Allem Single-Künstler. Dies drei hier genannten Compilations sind kostbar. Kulturgut? Kann man sagen…
Elvis Presley
A Date With Elvis
(RCA, Rec. ’54-’57, Rel. 1959)

…und RCA und Col. Parker wollten den Dollar weiter rollen sehen. Also wurde Mitte Juli eine weitere Compilation auf den Markt geworfen. Im Text auf dem Back-Cover von A Date With Elvis wurde immerhin ganz ehrlich beschrieben, dass hier altes Material verwertet wurde: Fünf Tracks aus den Jahren ’54 und ’55 bei Sun Records, die grundsätzlich ausserhalb der Südstaaten schwer zu bekommen waren, die anderen Tracks waren zuvor nur auf EP’s zu finden gewesen und in den Jahren ’56 und ’57 aufgenommen worden, drei davon gehörten zu den Aufnahmen zur EP Jailhouse Rock.. und manche Songs zeigen einen Elvis, der noch tief im härteren, einfacheren Rock’n’Roll verwurzelt war. Bill Monroe’s „Blue Moon of Kentucky“ ist von ’54 und zeigt, wie revolutionär diese Musik und dieser Sänger fünf Jahre zuvor klang. Oder Elvis‘ erste No.1 in den US-Charts: „I Forgot to Remember to Forget“ von 1955 – einer der Gründe, warum RCA Sun Records diesen jungen (da noch minderjährigen!) Künstler und seine Rechte Anfang ’56 abkaufte. Manche Tracks mögen nicht so doll sein – „Young and Beautiful“ von besagter Jailhouse Rock EP ist Schmalz, wie ihn sich in dieser Zeit die konservativere Hörerschaft wünschte. Dass „(You’re So Square) Baby I Don’t Care“ auf derselben EP war, zeigt, dass Elvis auch 1957 noch spannendes Material einspielte. Dass auch A Date With Elvis gerade mal 23 Minuten dauert, mag ein Grund für den relativ geringen Erfolg und Bekanntheitsgrad dieser Compilation sein. Das Album würde Elvis’s schlechteste Chart-Platzierung bekommen, dabei muss man sagen, dass das Material schon toll ist – man wird es nur eben auch anderswo finden können. So sind Compilations eben.
Elvis Presley
50,000,000 Elvis Fans Can’t Be Wrong: Elvis Golden Records Vol. 2
(RCA, Rel. 1959)

Und so kam im November ’59 mit 50,000,000 Elvis Fans Can’t Be Wrong eine – neben dem übertriebenen Titel – auch optisch klassisch gewordene LP, die das hohe Niveau der anderen drei Comp’s ohne weiteres hielt. Hier gibt es einige Tracks, die man nicht automatisch mit Elvis verbindet. „I Need Your Love Tonight“ oder „Don’t“ sind zwar nicht das klassische Material, sind nicht so im Gedächtnis verhaftet wie „In The Ghetto“ oder „Jailhouse Rock“ oder „Blue Suede Shoes“, aber sie sind keine Spur schlechter, als die im kollektiven Gedächtnis gespeicherten Klassiker. Elvis war sich bei den Aufnahmen seiner Fähigkeiten offenbar bewusst. Und die Band und die Background-Sänger von den Jordanaires lieferten definitiv ab. Da gab es nicht mehr den Punch der Sun Aufnahmen oder des ersten Albums – das hatte man ja auf A Date With Elvis geliefert bekommen und das wäre auch zu viel verlangt. Die meisten Songs waren ’57 aufgenommen worden und inzwischen war manche Pose ironisch gebrochen. Es war noch Wucht übrig, aber 50.000.000… zeigt schon den Weg hin zum slicken Performer der frühen 60er. Dieses Album ist von den Compilations das bekannteste, das Cover und der Titel wurde von etlichen Künstlern zitiert (The Fall, Blumfeld…) und diese 22 Minuten sind äußerst kurzweilig. Col. Parker erreichte mit diesem und den anderen beiden Alben das Ziel: Er hielt die Fans bei der Stange und etablierte nebenbei das LP-Format für Elvis. Und wer in dieser Zusammenstellung Perlen sucht, der findet etliche: „Wear My Ring Around Your Neck“, „One Night“, „A Big Hunk o‘ Love“… 50,000,000 Elvis Fans Can’t Be Wrong ist eines von ein den wenigen (muss man leider sagen…) großen Elvis-Alben. Wer will, kann sich ja die CD-Version kaufen, bei der das Sequencing komplett durcheinander gewürfelt ist. Mir reicht die LP vollkommen.
Chuck Berry
Chuck Berry is On Top
(Chess, Rel. 1959)

Chuck Berry ist am Ende der 50er einer der letzten großen Stars des Rock’n’Roll. Und mit Chuck Berry Is On Top bekommen die (noch wenigen) LP-Hörer im Juli ’59 sein drittes „Album“ – welches allerdings nur eine Compilation einiger Hits seit 1955… Nun – diese Compilation-Sache ist ja noch durchaus üblich, das „Album“ als eigenständiges Werk ist – zumal im Bereich der „leichten“ Popmusik – noch nicht etabliert. Man kann sich freuen: Hier bekommt man erstmals den ’55er Top-5 Hit „Maybelline“ auf einer LP. Dazu kommen Unsterbliche wie „Roll Over Beethoven“, „Johnny B. Goode“ oder „Carol“. Alles Songs die nicht auf den vorherigen beiden Alben After School Session und One Dozen Berries enthalten waren. So kann man dieses Album genau so gut als eine der besten Compilations in der noch jungen Geschichte der Rockmusik bezeichnen. Und als Zugabe bekommt man hier z. B. mit „Sweet Little Rock’n’Roller“ oder „Jo Jo Gunne“ noch Tracks, die neben den bekannten Hits keinen Zentimeter abfallen. Berry war weiterhin in Top-Form. Wie bei allen Alben aus dieser Zeit ist die Innovationskraft dieser Musik heute freilich nicht mehr so deutlich erkennbar. Berry’s Art Gitarre zu spielen war einzigartig stylish und charakteristisch. Seine Riffs schlicht und effektiv, seine Texte eindeutig bis zweideutig. Dazu kommt – trotz der zeitlich weit auseinander liegenden Sessions – ein Band-Sound, der keine Wünsche offen ließ. Hier spielte die ertse Chess-Garde: Johnnie Johnson am Piano, Willie Dixon am Bass, Fred Below an den Drums und Backing Vocals von den Moonglows. Der Sound ist sparsam, eigentlich LoFi – und somit so effektiv wie nötig. Man sollte mal „Should I Stay Or Should I Go Now“ von The Clash neben „Johnny B. Goode“ hören… man wird sofort merken, wo sich The Clash ihre Inspiration hergeholt haben (…was die auch nie leugneten…). Und beim Instrumental „Blues For Hawaiians“ – dem einzigen ganz neuen Track auf Chuck Berry Is On Top – hört man, wie Berry das gute Leben auf Hawaii an der Slide-Gitarre feiert. Hier ist der perfekte Einstieg in Berry’s Kosmos.
Little Richard
The Fabulous Little Richard
(Specialty, 1959)

Und auch bei Little Richard’s drittem Album – nach den beiden epochalen Meisterwerken Here’s Little Richard (von ’57) und Little Richard (von ’58) – ging es um Resteverwertung. Auch The Fabulous Little Richard bietet Reste auf sehr hohem Niveau. Richard Wayne Penniman hatte sich inzwischen dem Herren zugewandt, machte seit ’57 die Ausbildung zum Prediger und sang selber nur noch Gospel… was freilich seine Plattenfirma nicht davon abhielt, die Songs, die er seit ’55 aufgenommen hatte nun auf richtigen „Alben“ zu veröffentlichen. The Fabulous… bietet 3 Rocker und 10 Slow Blues Tracks, die Penniman laut Covertext im Nachhinein teils etwas „sanfter“ eingesungen hatte. Der Mann war jetzt religiös, hatte den Vertrag mit Specialty schon ’57 aufgelöst, wollte aber noch sein Image als Wilder Mann ‚runterfahren. Auf dem Back-Cover wurde seine Wendung zur Christlichen Religion recht freundlich beschrieben, es hieß, dass man hier die Gospel-Seite seines Gesangs geboten bekam. Man kann sich bei den hier tatsächlich etwas gezügelteren Vocal-Performances vorstellen, dass er zu Beginn seiner Karriere als Antwort auf Ray Charles gesehen wurde. Die Ausraster, die exaltierte Show, die einen Teil seiner Legende ausmachen, sind hier nur in Spuren zu hören… natürlich bei den Rockern „She Knows How to Rock“ und besonders bei seiner rasanten Version von Jerry Lee Lewis‘ „Whole Lotta Shakin‘ Goin‘ On“ (…das der nicht geschrieben hat… btw). Bei „Directly From My Heart“ gab es eine für diese Zeit enorm verzerrte Gitarre und bei etlichen der bluesigen Tracks sangen die nachträglich hinzugefügten Stimmen der Stewart Sisters. Kurz – The Fabulous Little Richard ist nicht schlecht, nicht falsch, es ist ein aus ruhigeren Tracks zusammengestelltes Album, die von ’55 bis ’57 aufgenommen wurden. Hier wird eben diese Facette eines äußerst originellen Künstlers beleuchtet. Na ja – und immerhin ist sein Schrei-Gesang auch bei den ruhigeren Tracks sehr laut. Little Richard’s erste beiden Alben mögen revolutionärer sein, aber der Mann hat in seiner kurzen, wilden Zeit auch SO geklungen.
Ritchie Valens
s/t
(Del-Fi, 1959)

Under Construction
Bo Diddley
Go Bo Diddley
(Chess, 1959)

Man kann ja fragen, inwiefern die Musik von Bo Diddley (oder Chuck Berry btw…) Rock’n’Roll war. Beide sind schwarz, beide veröffentlichten auf dem Blues-Spezialisten Label Chess, beide haben eine gewaltige Prise (Rhythm &) Blues in ihrem Rock’n’Roll gehabt… aber sie wurden von einem jungen – oft auch weißen – Publikum als Rock’n’Roller wahrgenommen. Zuletzt ist es ja – wie so oft gesagt – völlig egal, was für einen „Stil“ Go Bo Diddley bediente. Sein Album passt in dieses Kapitel. Go Bo Diddley gilt – nach der letztjährigen Compilation Bo Diddley mit den Hits von 1955 bis 1958 – als das erste „echte Album“ des 1928 als Ellas Otha Bates in McComb am Mississippi geborenen Gitarristen und Songwriters. Bates aka McDaniels aka Diddley’s Mutter war bei seiner Geburt 16 Jahre alt, er wuchs bei seiner Tante auf, deren Nachnamen McDaniels er offiziell annahm. Der Künstlername Bo Diddley wiederum soll eine Mischung aus scherzhafter Beleidigung und diddly squat (= „absolutely nothing“…) sein. Aber 1959 spielte das keine Rolle mehr, Diddley war inzwischen 30 Jahre alt – also alt im Vergleich zu seinen Kollegen – sein Name war etabliert und er hatte in einer ganzen Reihe von Hits einen eigenwilligen Stil entwickelt, der sich (man vergleiche…) stark an John Lee Hooker orientierte. Auch sein Rhythm’n’Blues war sehr „afrikanisch“, sehr rhythmisch und sein Gitarrenspiel war äußerst charakteristisch mit den abgehackten Riffs und den für diese Zeit sehr ausgefeilten Effekten. Hört euch dafür einfach mal „Willie and Lillie“ an. Da haben ganze Schulen von jungen Gitarristen zugehört. Zwar ist Go Bo Diddley ebenfalls eine Zusammenstellung aus Restmaterial von Sessions von ’55 bis ’59 – so gesehen also doch auch nur eine Compilation – aber der Sound dieses Mannes, die Art Songs zu schreiben, war so eigenständig, dass Go Bo Diddley durchaus als eigenständiges Album durchgeht. Das gilt eigentlich für alle Alben dieses Mannes. Der hatte ganz einfach Stil. Und – so einfach seine Songs klingen mögen – Diddley hatte doch immer auch originelle Ideen: Da gibt es den New Orleans-Begräbnismarsch „My Old Grandfather“, da erklingt eine Violine bei „The Clock Strikes Twice“ und da ist wieder der Bo Diddley Beat bei Hits wie „Crackin‘ Up“… Man unterstellt Bo Diddley „Schlichtheit“, aber das ist falsch, wenn man sich seine folgenden Alben anhört. Die sind essentiell!!
Ronnie Hawkins
s/t
(Roulette, 1959)

Ronnie Hawkins wiederum hat sich angeblich von Bo Diddley’s Gesangsstil beeinflussen lassen. Der junge Mann aus den Ozark Mountains hatte allerdings auch noch eine komplette Familie um sich, die Musik machte. So hatte sein Vetter Dale Hawkins ’57 mit „Suzie Q“ einen der ganz großen Rock’n’Roll Hits. Und Dale’s ’69er Album L.A., Memphis & Tyler, Texas ist ein Klassiker des Swamp Rock mit einem Cast von Musikern, der sich gewaschen hat. Auch Cousin Ronnie hatte sich ’58 mit den Hawks eine stabile Band zusammengesucht und ging mit diesen Jungs in Kanada auf Tour, machte zwischendurch einen Stop in einem Studio in New York… und nahm nach vier Stunden ein paar Tracks als Singles auf, die sofort einschlugen. „Forty Days“ war eine kaum versteckte Version von Chuck Berry’s „Thirty Days“, mit „Mary Lou“ gab es eine B-Seite die in den Charts bis auf Platz 25 stieg und bewies, dass in der Provinz der Rock’n’Roll immer noch blühte. Ronnie Hawkins – das Album – ist nicht wirklich revolutionär, aber diese Band war on fire, Hawkins‘ hatte Spaß, sang mit Kieksern wie Buddy, grollte wie Bo, war erfreulich dynamisch und bewegte sich irgendwo zwischen Rockabilly und Bo Diddley-Beat. Und er hatte noch ein paar weitere anständige Songs dabei: „My Gal Is Red-Hot“ kann sich locker mit den Hits seiner Zeit messen… Und dann ist da noch die gern erwähnte Tatsache, dass der Drummer der Hawks ein gewisser Levon Helm war. Der fand ein paar Jahre später mit Robbie Robertson, Rick Danko, Richard Manuel und Garth Hudson ein paar neue Hawks, die sich wiederum in The Band umbenannten, Bob Dylan bei seiner Elektrifizierung der Rockmusik begleiteten und selber mindestens zwei Klassiker der Rockmusik aufnahmen… immerhin… das lag noch Jahre in der Zukunft, zunächst gab es mit Ronnie Hawkins dieses feine kleine Rock’n’Roll Album eines Musikers, der es sich ab den frühen 60ern in der Szene in Vancouver bequem machte. So blieb Ronnie Hawkins aka „Rompin‘ Ronnie“ oder „Mr. Dynamo“ letztlich eine Randnotiz – immerhin eine ganz nette. Und das 1960 veröffentlichte Album Mr. Dynamo ist aller Ehren Wert…
Cliff Richard and The Drifters
Cliff
(Columbia, 1959)

Die europäische Lesung des Rock’n’Roll hat immer auch etwas albernes… oder gar lächerliches. Man sollte versuchen, nicht an Peter Kraus oder Ted Herold zu denken, wenn man den Begriff Rock’n’Roll verwendet. Und auch im UK gab es eigentlich nur einen wirklich „wilden“ Rock’n’Roller: Aber Bill Fury würde erst im kommenden Jahr mit einem Album auf den Plattentellern landen. Und da war auch noch Cliff Richard! Der hieß eigentlich Harry Rodger Webb, war gerade mal 19 und hatte im Vorjahr mit der Surf-Kapelle The Drifters und der Single „Move It“ einen Hit. Den Namen Cliff Richard baute er sich aus dem cooleren Begriff Cliff (= Rock/Fels) und seinem Idol Little Richard zusammen… und seine Band musste sich bald nach dieser ersten LP in The Shadows umbenennen, weil es in den USA eine Band mit dem selben Namen gab. The Shadows hatten sowieso ein Eigenleben, das ihnen eigene Alben und eigene Hits gewährte. Das Album Cliff kam tatsächlich live im EMI-Studio vor ein paar hundert Fans des Mädchenschwarms zustande. Der junge Mann hatte sich die Frisur und die Posen seines Vorbildes Elvis angeeignet und in der Zwischenzeit noch ein paar weitere Single-Hits veröffentlicht… und man muss sagen: Er war in diesen paar Monaten recht überzeugend as Rock’n’Roller! Insbesondere dieses Live Album – bei dem das Gekreische der vermutlich meist weiblichen Fans offenbar nachträglich eingeblendet wurde – hat seine Meriten. Der Sound der Band ist glasklar! Und die hatten mit Hank B. Marvin einen Gitarristen, der sich vor Cliff Gallup von Gene Vincent’s Band nicht verstecken musste. Die Songs werden mit Tempo vorgetragen, Cliff Richard soll heiser gewesen sein, seine Stimme IST etwas dünn, aber wer kann schon wie Elvis singen. Die Begeisterung für den Jungen war zu mindestens 80% auf sein Aussehen zurückzuführen. Und dennoch… „Move It“ ist ein veritabler Rocker, von einer tollen Band gespielt. Und auch „Ready Teddy“ oder Richie Valens‘ „Donna“ haben einen wunderbaren Drive. Die Rock’n’Roll-verrückte Jugend im UK hatte für kurze Zeit eine britische Identifikationsfigur. Dass Harry Rodger Webb in kürzester Zeit von seinem Management und der Musik-Industrie weichgespült wurde – und dabei auch mitmachte – zeigt, wie wenig Zukunft in dieser Musik gesehen wurde.
Cliff Richard
Cliff Sings
(Columbia, 1959)

Under Construction
Was passiert mit Rock’n’Roll ?
Ende der Fünfziger melden sich die Protagonisten des Rock’n’Roll wie gesagt fast komplett ab:
Elvis wurde ’57 zur US-Army nach Deutschland eingezogen, die musikalischen Ergüsse der Vorjahre werden nun auf Compilations nachgeschoben, er selber hatte schon vor der Army begonnen, sich in eher mittelmäßigen Kinostreifen zu verkaufen, als sich seinem musikalischen Talent entsprechend weiterzuentwickeln. Nach der Army wird er noch mal an seine frühen Leistungen anknüpfen (Elvis Is Back), ehe er sich dann komplett Col. Tom Parkers Vorstellungen einer Karriere unterordnete. Natürlich, da kommen noch einige tolle Singles und mindestens zwei sehr gute komplette Alben (From Elvis in Memphis, und Elvis Country), aber sein Talent hätte mehr ermöglicht.
Was ist mit Jerry Lee Lewis ? Der hat sich durch die skandalöse Ehe mit seiner 14-jährigen Cousine und durch ungebührliches Verhalten auf der Bühne ins Abseits geschossen. Er tritt noch in England auf, wird dann ins Country-fach wechseln, und dort reihenweise tolle Alben veröffentlichen. Aber Rock’n’Roll ist nicht mehr sein Ding.
Johnny Cash – na ja, der war nie so richtig Rock’n’Roll, seine Karriere geht weiter und weiter und weiter – mit Spuren von Rockabilly und daraus erwachsend seiner speziellen Art von (Country)-Musik.
Chuck Berry – gerät Ende ’59 mit dem Gesetz in Konflikt, wegen angeblichen Missbrauchs einer Minderjährigen – was er immer bestreiten wird – Seine Karriere jedenfalls bekommt einen Knacks, obwohl er musikalisch nach wie vor fruchtbar ist.
Bo Diddley – hat seinen Bo Diddley Beat und wiederholt ihn und wiederholt ihn, aber der ist so stark im Blues verwuzelt, dass ihm das Dahinwelken des Rock’n’Roll nichts ausmacht… Was auch für Fats Domino gilt. Dessen rollender New Orleans Sound hat Rock’n’Roll beeinflusst, aber ich bezweifle, dass er sich selber in der Reihe der Rock’n’Roller sah.
Buddy Holly – Stirbt wie beschrieben bei dem fatalen Flugzeugabsturz, der auch den aufsteigenden Stern Richie Valens das Leben kostet.
Gene Vincent – ist schon jetzt wegen seiner Alkohol- und vor Allem Schmerzmittel-Sucht ins Hintertreffen geraten, geht nach England und wird dort immer weniger, denn… sein Freund Eddie Cochran kommt bei einem Autounfall in England um, bei dem Gene Vincent ebenfalls verletzt wird. Mit besagtem Cochran stirbt eine weiter Hoffnung.
Little Richard hat sich schon längst der Kirche zugewandt und predigt und singt eigentlich nur noch Gospel – lebt, aber hat und will dem Teufel Rock’n’Roll nichts mehr zu tun haben – das letzte hier erwähnten Album ist Resteverwertung.
Wanda Jackson – macht nun radiofreundlichere und bravere Countrymusik.
Dale Hawkins – wechselt nach einem feinen Album ins Musikbusiness und wird zum A&R Mann
Carl Perkins und Johnny Burnette, beide wenden sich ebenfalls der Countrymusik zu.
Heute obskure Musiker wie etwa der famose Jack Scott oder Jimmie Rogers drehen sich nach einem Rockabilly-beeinflusstem Album auch in Richtung Country – Rock’n’Roll und Country liegen schließlich auch dicht nebeneinander, der hier nicht beschriebene Johnny Horton kommt im kommenden Jahr bei einem Auto-Unfall ums Leben und die juvenile Wildheit des Rock’n’Roll scheint zu Beginn der Sechziger zur Freude einer reaktionären Gesellschaft endlich aufgebraucht.
Junge Musiker wie Rick Nelson oder Everly Brothers machen im Vergleich zu den ersten Rock’n’Roll Alben weichgespülten Schwiegermutter-Rockabilly, aber das machen sie immerhin ganz gut und sind damit erfolgreich – aber hör‘ dir im Vergleich mal das Debüt des Johnny Burnette Trios an…
In England immerhin gibt es nun mit Verspätung ein paar junge Adepten wie Cliff Richard und Bill Fury, aber die schaffen gerade mal ein paar Hits, ehe sie ins Pop-Fach wechseln. Und erst in den Siebzigern, spätestens als Punk die Rockmusik vereinfacht, kommen junge Leute wieder auf die Idee, auch die Rhythmen des Rockabilly wiederzubeleben.
