Klar – es gibt immer noch Indie-Pop (= zugänglicher, melodischer Pop ohne allzu großen Aufwand in Produktion und Distribution), es gibt Indie-Rock (= ein bisschen lauter, härter, rebellisch scheinender). Man kennt Grunge und Hardcore, aber die Grenzen sind so verwischt, wie die zwischen Indie Pop und Indie Rock. Und es gibt noch so viele weitere Arten von Indie-whatever, die sich aus dem entwickelt haben, was „Indie Rock“ Mitte der 80er mal war. Ich nenne mal Post Rock, Math Rock, Screamo, Emo… you name it. Hier haben wir also Noiserock. Wobei ich in diesem Kapitel auch noch zwei Beispiele für EAI (= Electroacoustic Improvisation) und für Avantgardistischen Folk in die Kiste Noise packe. Kann man falsch finden, ich interpretiere die Genre’s in den Überschriften nach eigenem Gusto immer wieder neu. Aber ist Jandek z.B. ein Künstler, der „Noise“ erschafft? Oder sind die Drones von Birchville Cat Motel auch Noise? The Dead C, Gate und Harry Pussy SIND Noise. Aber sie machen ganz anderen Noise, als Hardcore-Punk-Noise-Acts wie Trumans Water und Today Is The Day. Und 2pb aka David Thomas – Ex Pere Ubu – ist eine Noise-Dino, dessen Lärm schon immer ausserhalb aller Vergleiche stattfand. Und Supersilent und die uralten AMM machen sowieso etwas, das zwar Nichts mit Popmusik zu tun hat, aber ihr Noise ist sehr sehr ruhig, würde aber vom Mainstream-Hörer dennoch sicher als „Lärm“ wahrgenommen. Die Gitarren-Exkurse von John Fahey und Cul De Sac wiederum sind zwar das Gegenteil von Noise… aber ihre Musik schert sich zugleich genau so wenig um schnöde „Verkäuflichkeit“, wie der psychedelische Krach, den Gravitar machen (…nehme ich jedenfalls an…). Hier also ein paar Beispiele für Musik, die sich 1. nicht um kommerziellen Erfolg schert, 2. gewohnte Melodik und Harmonie nicht notwendigerweise beachtet, 3. extreme Seiten der seit den 50ern gewachsenen Populärmusik ausleuchtet. Hier lernt man die dunkle Seite des Indie Rock kennen. Hier sind Alben beschrieben, die den Hörer zum Zuhören zwingen. Oder zum abschalten. Aber das wäre dumm, wäre ignorant, wäre feige. Und ich habe einen gewichtigen (und lauten) Teil des Noise ’97 hier ausgelassen. In Japan gibt es eine regelrechte Kultur des übertriebenen Ohrenzerfetzens. Das Kapitel sollte lesen, wer sich für die brutale Seite dieser Art von Musik interessiert.
The Dead C
Tusk
(Slitbreeze, 1997)

Fangen wir dieses Kapitel mal mit einer der ganz großen Legenden des Noise an: Bruce Russell (g), Michael Morley (g, voc) und Robbie Yeats (dr) waren 1987 in Port Chalmers ind Neuseeland zusammengekommen um mit einer Konsequenz „Rockmusik“ auseinander zu nehmen, die ihresgleichen sucht. Man hört bei dieser Band klar Gitarren und Drums, es gibt immer wieder einen klaren Beat, Strukturen… die jedoch unaufhörlich zerdehnt und zerdeppert werden… und zuletzt hat das Ergebnis wenig mit dem zu tun, was man als Rockmusik in den letzten 40 Jahren zu hören bekommen hat. Sonic Youth (die The Dead C immer wieder begeistert gelobt haben) klangen manchmal so, wenn sie sich eine Stunde lang in Trance gespielt hatten (…was auch toll war), aber The Dead C schienen immer vom Beginn jedes ihrer Tracks an in diesem Modus. Alben wie Harsh 70s Reality (’92) sind extrem auf eine Art, die die tollsten Noise-Meister mutlos aussehen/klingen ließen. Einen solchen Mahlstrom aus Kraut-Drums, Gitarren mit und ohne Feedback, tonlosem Gesang und Klang-Explosionen gab es nur von dieser Band. Seit der Mitte der 90er gab es eine Art „Hype“ um The Dead C (u.a. weil Sonic Youth sie so oft nannten). Die Vorgänger Operation of the Sonne (’94) und The White House (’95) waren leichter zu finden und zu erwerben. Wer furchtlos war, konnte sich am durchdacht-improvisierten Noise von Tracks wie „Head“ delektieren. Auf Tusk waren ein paar zusätzliche elektronische Gadgets unter Schichten aus Krach vergraben, auf die man stieß, wenn man sich durch einen Song wie „Plane“ hindurch grub. Aber zuletzt ging es doch wieder um dieses Feedback, diese Drums und die missbrauchte Gitarren, die mit primitiven Radio-Mikro’s aufgenommen schienen. So wurde die nächste Mischung aus Kraut, Feedback und Drone aus dem Dead C-Universum entlassen. Auf ihre Art sind und waren The Dead C für den Experimental Noise Brainfuck das, was The Fall für den Post Punk waren: Unangreifbar und „Always The Same, Always Different“
Gate
Monolake
(Table of the Elements, 1997)

Hiermit bleibe ich im Thema: Gate ist Dead C’s Michael Morley, der unter dieser Projektbezeichnung mit The Monolake auch schon sein achtes Album seit 1989 machte. Dass Morley auch ohne Mitspieler tatsächlich eigenständige, zugleich aber auch in den Dead C-Kosmos passende Musik machen konnte, ist vermutlich ein guter Hinweis auf die „Klasse“, das Können dieses Musikers. The Monolake ist auf eine Art weniger anstrengend als Tusk. Dort hat man drei Musiker, die – ein bisschen wie im Free Jazz vielleicht – von einem Thema ausgehend in ihren jeweiligen eigenen Sound-Dschungel wandern. Bei The Monolake ist es nur Ein Musiker, der alle Instrumente (Bass, Drums, Gitarre und Vocals) – alle Bestandteile – in die jeweils ausgesuchte Richtung jagt… auf der CD-Hülle gibt es jedenfalls keine weiteren Credits. Auf diesem Album wird Morley’s erstaunliche Fähigkeit beleuchtet, mit Feedback ganze Landschaften zu erzeugen. Der Opener „Standing in Fields“ ist noch ein regelrechter „Rock-Song“. Mit trägem Gesang, brummendem Bass, stolperndem Schlagzeug und Lava-Giterren. Das kommt zunächst dem nahe, was man SlowCore nennt. Aber dann steigen die Gitarren an wie die Flut und überspülen den Song. Auch ganz logisch, dass Morley am Ende der CD mit „Jennifer“ eine Coverversion der Krautrocker Faust einspielt. The Monolake ist natürlich Noise. Aber meinetwegen auch Space Rock. Morley würde sich als Gate – aber auch im Verbund als The Dead C – mit anderen Experimentellen (Harry Pussy’s Bill Orcutt z.B.) auf diversen Festivals und Bühnen treffen. Seine etlichen Solo-Alben sind nicht immer spannend, The Monolake und das ’94er Album The Dew Line aber sind für jeden empfehlenswert, der wissen will, in was für spannende und auch „schöne“ Ecken Drone, Noise und Ambient leuchtet.
Birchville Cat Motel
s/t
(Insample, 1997)

Bleiben wir mal in Neuseeland und hören einen Musiker/ein Album, das purer Noise ist, so wie er gewiss von Unbedarften verstanden wird. Birchville Cat Motel ist Campbell Kneale und dies ist sein erstes von um die 60 (!) Alben – nur unter diesem Namen. Es würde noch Our Love Will Destroy the World oder Black Boned Angel sowie etliche Kollaborationen geben. Dass seine „Musik“ in irgendeiner Weise kommerziellen Erwägungen folgt, kann man sofort ausschließen. Campbell Kneale hatte sich einer Art von Kunst (…auch bildender Kunst) verschrieben, die sehr abstrakt und kompromisslos anti-kommerz bleiben würde. Dass er sich von den Landsmännern The Dead C beeinflusst sah, erklärte er selber in einem Interview. Seine Idee von Musik wird bei den ersten Tönen des Openers „Cast Iron Teether“ hörbar. Genutzt werden Guitars, Cymbal, Electronics. Erstere dröhnt und fiept, die Saiten werden knirschend gekratzt, irgendein (mutmaßlich billiger) Synthesizer verfremdet Geräusche, dazwischen zischen besagte Cymbals, unter Allem grollt ein tieferer Ton, der auch noch rückkoppelt… Und dennoch gelingt es Kneale, mit diesen Mitteln eine bedrohliche Schönheit, eine langgezogene Struktur, eine Atmosphäre zu erschaffen, die sich in den Titeln der Tracks widerspiegeln will. Man mag das nicht erkennen (wollen), weil es doch eigentlich auch so leicht gemacht zu sein scheint. Dass Birchville Cat Motel in manchen Jahren bis zu zehn Veröffentlichungen auswerfen würde, könnte man mit Beliebigkeit und Schlichtheit der Ausführung erklären. Aber DAS ist bei Noise sowieso ein virulenter Verdacht… dem man nur mit Zuhören, Erkennen und dann ggf. Bewundern begegnen kann (so man mag..!). Die fast 11 Minunten von „So Sad Doll“ könnten sicher als pure Improvisation an diversen Schallquellen durchgehen. Aber ich unterstelle einen Plan. Da entstehen Bilder durch Töne, die nicht „harmonisch“ sind oder sein sollen, es aber irgendwie (bei mir) schaffen, tatsächlich eine alte Puppe in einer staubigen Zimmerecke sichtbar zu machen. „Rimrider“ ist purer Drone. Krachende, heulende Feedbacks, die auf und ab wandern, die irgendwann den Rand der Welt erreichen und dann darüber hinaus rauschen. Dass die folgenden Tracks in einer finalen Todeszone glühen, verleiht Birchville Cat Motel Struktur und profunde Logik. Wie viel Unterschiedlichkeit man mit Noise dieser Art erschaffen kann, sieht man hier – und wird man in den kommenden Jahren noch besser sehen. Kneales 2004er Meisterwerk Beautiful Speck Triumph muss ich hier nennen – hört seine Musik auf Bandcamp und sucht dann ggf. seine CD’s/LP’s. Das ist Noise Pur.
Harry Pussy
s/t
(Self Released, 1997)

Der Step zum Noise Rock in den USA ist so notwendig wie logisch. In dieser Zeit gibt es etliche Alben und Bands, die Noise = scheinbar unstrukturierter Lärm von Gitarren/Synthesizer/ Bass/Drums als Teil ihrer Musik nutzen. Meist haben diese Musiker Hardcore und Punk „gelernt“, haben Jazz, Avantgarde, New und No Wave gehört und machen nun unbequeme und unkommerzielle Musik mit haufenweise atonalen oder mindestens sehr lauten Geräuscherzeugern. Aber DAS HIER!? Harry Pussy waren vom Namen bis zur letzten Entäußerung extrem. Weit extremer, als alles, was hier sonst beschrieben ist. Gegen dieses Album, das auf der Tour verkauft wurde – das 2008 als Teil der Compilation You’ll Never Play This Town Again geben würde – ist alles von The Dead C bis Today Is The Day harmlos. Bei der Tour waren Harry Pussy drei Musiker: Drummerin/Schreierin Adris Hoyos und als Gitarristen Dan Hosker und Bill Orcutt – Letzterer würde in den 2020ern einen beachtlichen Ruf als Meister des Fingerstyle (Siehe weiter unten John Fahey…) erlangen. Aber Harry Pussy aka Tour aka Fuck You ist schon ein ganz anderes Erlebnis. Diese Musiker rasten komplett aus. Auf den Drums wird getrümmert, die Saiten werden atonal geschreddert, Adris Hoyos schreit wütende Wortfetzen… und all das ist ein Statement, ist die Aussage, dass man „Rockmusik“ auch so sehr dekonstruieren kann, dass sie explodiert. Harry Pussy (das Album… alle ihre Alben) ist weder Grindcore, noch Jazz, noch Hardcore, dies ist komplett überzogene Musik mit „Rock-Instrumentarium“. Die vertonte Absicht, Musik in neue Noise- Universen zu katapultieren. Wenn man diesen Lärm zwei-drei mal gehört hat, wird man tatsächlich Tracks wie „Sex Problem“ wiedererkennen. Es sind freilich keine Songs, es ist hysterisches Geschrei UND instrumentale Raserei – wobei ich annehme, dass dem Chaos ein Plan zugrunde liegt. Dem Prinzip „Song“ folgt am ehesten das 5-minütige „Mandolin“ und die 55 Sekunden von „No Hey“. Aber auch da wird zerstört, allein durch die abenteuerliche Miss- und Behandlung der Instrumente bleibt nichts von einem herkömmlichen Song übrig. Gerade bei diesem Statement = Album gilt – hört Das, ihr Ungläubigen. DAS ist Extreme Noise Pur.
Jandek
I Woke Up
(Corwood Industries, 1997)

…wenn das hier vor extreme Noise war, dann kommt hier mit Jandek’s 26. Album I Woke Up extreme Songwriter-Music. Dieser Mann aus Houston/TX bewegt sich seit seinem ersten Album (Ready for the House – 1978) in (s)einem autarken Kosmos. Dort ist das, was wir als eine Form des „Noise“ bezeichnen, einfach die instrumentale Grundlage seiner Story-Songs. Über die „Stimmung“ seiner Gitarre wurde von Beginn an gerätselt. Stimmte der seine Gitarre überhaupt? Oder wurden die Saiten sich selbst überlassen? Auf I Woke Up dilettiert Jandek auch noch auf dem Akkordeon und der Harp. Und er SINGT!! Zuvor hat er meist erzählt, gejammert, gemurmelt, gedroht und sich dabei nicht wirklich um Melodik bemüht – aber Emotionen gezeigt. Hier gibt es Tracks wie „I Can Not“, bei denen seine Stimme regelrecht freundlich scheint. So freundlich, dass man ihm nicht glauben kann. Man muss dazu wissen, dass das vorherige ’96er Album White Box Requiem eine fremdartige, aber eindeutig finstere Version der Person „Jandek“ gezeigt hatte. Nun war er offenbar tatsächlich aus finstersten Gedanken aufgewacht. Nicht dass alles immer wunderbar wäre. Bei „I Can Not“ etwa singt er: „After being rescued/ Sit helpless/ Outside of you…“ zu regelrecht sanfter Gitarre und Harp. Und sein Vortrag ist wenig eindrücklich. Dafür liegt bei „Long Long“ ein Delay über der Stimme, die den Text zu einer Art Jazz-Rhythmus fast rappt. Jandek probierte auf diesem Album manches aus… und warum auch nicht? Seine Kunst war von Beginn an völlig autark, man kann mit Fug und Recht annehmen, dass ihn die Bedeutung dieser Musik für WEN AUCH IMMER nicht interessiert hat. Er war und ist ein Künstler, der seine Lyrics und seine Songs mit persönlicher Ästhetik und Stilistik vorträgt. Und das mit jeder denkbaren Konsequenz. Er könnte ja auch „normale“ Musik machen – damit wäre er in seiner selbst-geschaffenen geschäftlichen Konstellation genauso autark. I Woke Up ist bloß ein Schritt in der Jandek-Welt. Ob das (hier) in den Noise (Rock) Kontext gestellt wird, oder an anderer Stelle beschrieben wird, ist letztlich gleichgültig. Ich – persönlich – kann und will Jandek beispielsweise mit David Thomas vergleichen (siehe die folgende Beschreibung…). Aber letztlich sind die Künstler – insbesondere in diesem Kapitel – extrem individuell. Und es ist ein großer Spaß, sich gerade an diese Individualität zu gewöhnen!!
2 pbs
Meadville
(Cooking Vinyl, 1997)

…da ich mir vorstelle, dass man idealerweise die hier vorgestellten Alben hintereinander hört, mag das Live-Album Meadville von 2pbs aka David Thomas & Two Pale Boys im Vergleich zu Jandek’s atonalem Singer/Songwriter-Noise zunächst fast erholsam scheinen. Da kann man eventuell leichter Zugang finden. Ex Pere Ubu-Sänger David Thomas trat hier mit seinem Bandkollegen Keith Moline an midi-Gitarre und Bass + dem Trompeter Andy Diagram in Europa auf, um das ’96er 2pbs-Album Erewhon zu promoten. Und wie das bei einem Künstler seiner Art ist – das Album wurde massiv verbogen und verändert. Es ist allein schon Irrsinn, was die Drei hier mit Gitarre, Bass, Trompete, Melodeon, Stimme und Neurosen alles machen konnten. Dass Thomas sich immer anhörte, als würde er von Dämonen verfolgt – und empfinde Spaß und Grauen zugleich – ist nur EIN Faktor in dieser Tour de Force. Wie Andy Diagram die Trompete mitunter als zweite Stimme erklingen lässt, wie aus dem Elvis-Hit „Can’t Help Falling in Love“ nur via Betonung und Stimmung unheimliche Besessenheit wird… David Thomas war lebende Avantgarde. Der Klang-Reichtum dieses Trios ist erstaunlich. Ich weiss ja nicht, was Andy Diagram an seine Trompete angebaut hat – die IST als Trompete erkennbar, aber es ist eine Trompete from Outerspace. Wie sie auch noch Brian Wilson’s „Surfer Girl“ ins grellste Sonnenlicht zerren… eine psychotische Erfahrung. Interessant, dass einige dieser Songs doc „eigentlich Songs“ sind. „So etwas wie „Red Sky“ könnte man konventionell aufführen. Aber die Two Pale Boys (Diagram und Moline) machten das allein mit ihren Instrumenten schon unmöglich. Und Dass David Thomas nicht alle Latten am Zaun hatte, dass er auch diesen Song am Ende auf den Mars rezitiert, schiebt die Konventionen komplett über den Rand der Vernunft. Ich empfehle ausdrücklich all die Alben Thomas‘ und seiner Two Pale Boys. Such‘ als erstes Erewhon, die Basis von Meadville. Ach ja – dies ist kein Noise, es ist Avantgarde, die Noise kennt.
Arab on Radar
Queen Hygiene II
(Heparin, 1997)

Noise Rock ist – spätestens seit den Mitt-80ern – in den USA ein breites, sozusagen „bestelltes“ Feld, auf dem sogar geerntet wird. Von wem? Nun – von denjenigen, die sich für mehr als bloße Nebengeräusche in cooler Slacker-Verkleidung interessieren (no offence…). Die sich also für Musik interessieren, die ein bisschen herausfordernder ist. In und um Providenvce/Rhode Island hatte sich in einer verlassenen Fabrikhalle die Fort Thunder Scene gebildet. Die bestand aus jungen Künstlern, die in dem Gebäude probten und spielten und Hardcore, Punk, Electronics (whatever THAT means…) zu einer Art von Noise zusammenrührten, der nicht stilistisch miteinander verbunden war, sondern eine anti-kommerzielle Haltung zum „Kunst/Musik machen“ widerspiegelte, die – zumal in den USA,dem Königreich des Materialismus – doch recht avantgardistisch war. Eine der wichtigsten Bands (neben Lightning Bolt und Black Dice…) waren die ’94 entstandenen Arab on Radar. Ihr erstes Album Queen Hygiene II ist eine Attacke, die fast (nur fast…) an den Noise von Harry Pussy heranreicht. Zwei Gitarren winden sich schreiend um komplexe Rhythmen während William Tell (eigentlich Eric Paul – der war anscheinend gebildeter als der Durchschnitts-Amerikaner) verbogene Pamphlete mehr jammerte als „sang“. Man würde diese Musik übrigens ab den 00ern mit dem Stilbegriff „Sass“ etikettieren. Was klingt wie..: Musiker, die sich auf Hardcore Punk beziehen, aber auch auf den No Wave New Yorker Bands wie Mars (hört euch die No New York Compilation von 1979 an..!) und Undergroud Disco und gerne genommene Obszönitäten. „The Molar System“ etwa wäre in NY-Clubs Ende der 70er geliebt worden. Dass Arab on Radar die Härte des Hardcore Punk dazugaben, macht diese 22 Minuten neben laut, hart, und anstrengend auch sehr unterhaltsam. Wie oft hier die gewohnten Rhythmen und Harmonien verbogen und vermieden werden, ist schlicht toll. Queen Hygiene II ist genauso seltsam, wie Meadville, kommt aber aus einer ganz anderen Richtung. Hört den Closer „Rubber Root“ oder „Capt Mouth“ mit den Gurgel-Geräuschen von William Tell… Die Fort Thunder Scene ist spannend. Nebenbei: Klar, dass sich Arab on Radar ab dem 11. September 2001 nur noch AoR nennen konnten, oder? Diese USA…
Trumans Water
Apistogramma
Justice My Eye/Elevated Loin, 1997)

Teil 2 herausfordernde Musik: Trumans Water waren seit den frühen 90ern in und um San Diego (mit Bands wie Three Mile Pilot oder Julia …aber wer kennt die..?) unterwegs, hatten seit ’92 schon etliche Alben und EP’s veröffentlicht, die wirklich hörenswert sind… weil es Trumans Water ebenfalls gelungen war, einen distinktiven Sound zu schaffen, und neben einer erfreulichen Virtuosität zugleich das zu tun, was wenige Noise-Acts machen. Sie hatten „Songs“, auch wenn bei Ihnen alles auf Improvisation basierte. Das war nicht auf jedem Album seit ’92 so, denn es gabe einige Alben, die offenbar als pure Impro-Versuche gedacht waren. Aber in regelmäßigen Abständen brachten die beiden Branstetter Brüder – hier mit Kevin Cascell an den Drums – Noise/Math Rock mit Wucht und verquer-poppiger Melodik zustande. Für ihr zwölftes Album holten sie noch Ryan Paulos mit seinem Saxophon ins Studio und machten Apistogramma zu einer Art Jazz-Noise-Hardcore, der sicher nicht vergleichbar ist mit Birchville Cat Motel oder The Dead C… aber es IST Noise Rock. Eben in einer Art, die – ich würde sagen – konsumerabler ist. Die Szene in San Diego war um die Mitte der 90er der „nächste Hype nach Seattle“. Dass die Bands dieser Szene/Stadt sehr unterschiedlich und sehr experimentierfreudig waren, ließ den Hype schnell zusammenbrechen. Schon schade… Man sollte sich mal Songs wie „Family Style“ anhöre. Mit Stop-Start-Rhythmik, mit sicherlich seltsamen melodischen Wendungen, die aber zugleich irgendwann im Kopf bleiben wollen. Dass Gitarre, Bass, Drums + Schrei-Gesang ein probates Mittel sind, um (…nenn ihn meinetwegen…) Indie Rock zu machen, ist ja nicht neu. Aber Trumans Water konnten eben auch puren Noise! „The Inch is a Cinch to Even See Behind Me“ hat neben melodischen Intermezzi etliche zerfetzte Passagen. So war sie, die Musik von Trumans Water. Sie setzten in ihren komplexen Songs Noise neben Struktur und Melodik. Das macht ihre Musik anstrengend, das ist der Reiz von Apistogramma. Noise, der freundlich ist.
Oxbow
Serenade In Red
(Crippled Dick/Hot Wax, 1997)

Ich will und kann in diesem Kapitel die Vielfalt dessen zeigen, was man in den USA 1997 Noise Rock nennt. So z.B. die San Franciscans Oxbow: Die machen schon seit den „Anfangstagen“ des Noiserock (Mitte der 80er) soviel Krach, dass es auch dem Noise-Pionier Steve Albini (of Big Black fame) aufgefallen war. Der war ihnen so zugetan, dass er sowohl, den ’95er Vorgänger Let Me Be a Woman, als auch Serenade in Red produzierte. Und dieses Album war eine weitere Steigerung ihrer ureigenen Art von Noise. Mit Eugene Robinson hatten Oxbow einen schwarzen Sänger, dessen expressiver Gesang ans theatralische heranreichte… dessen Hautfarbe ist erwähnenswert, weil selten in diesem Umfeld… Er schuf mit seinen tief-empfundenen Jammern, Bellen und Schreien die perfekte Synthese mit einem Noiserock, der auf sehr moderne Weise Blues belehnte. Das bedeutet, dass diese Band – dass vor allem die Gitarre von Niko Wenner – mitunter recht nah am Blues spielte. Wenner und Robinson hatten Oxbow ’88 als Versuch gestartet, mit Wiederholung und musikalischen Palindromen etwas Neues zu schaffen, ihrer vorherigen Punk-Band Whipping Boy etwas entgegen zu setzen. Dieser Plan mag akademisch scheinen, sollte aber nicht abschrecken. Die wilde Wucht und Wut bei „La Luna“ etwa straft jeden Gedanken an Planung Lüge. Das 11-minütige „3 o’Clock“ brodelt vor tiefgründiger Spannung, Robinson’s offenbar improvisierter Gesang lässt an der seelischen Gesundheit des Mannes zweifeln. Die Art, in der Oxbow Serenade In Red durch Dynamik strukturiert haben, ist bewundernswert – und nicht kopflastig. Die klingen völlig natürlich in all ihren Post Rock-, Noise- oder Blues-Passagen. Man kann sogar Free Jazz finden – und dann ist da auch noch das klassische Songwriting von „The Killer“, bei dem eine gewisse Karen Schub Robinson ein bisschen beruhigt. Auf der Doppel-LP gibt es dann noch das beeindruckende „Insylum“, zu dem Marianne Faithful additional Vocals beisteuerte. Oxbow waren eine Macht – das hörten auch Leute, die Ahnung hatten. Dass Serenade in Red Blues, Avantgarde, Noise oder Experimental abdeckt, macht eine alberne „Einordnung“ obsolet. Diese Musik passt in dieses Kapitel. Bitte Anhören!
Today Is the Day
Temple of the Morning Star
(Relapse, 1997)

…und hier das Beispiel dafür, wie NAH Noise und hasserfüllter Hardcore Punk sich sind. Today Is The Day ist eine Band, deren Output bis zum unseligen 11. November 2001 tadellos – wenn auch konsequent erschreckend und brutal war. Nach 09/11 driftete Steve Austin – der Kopf dieses Projektes – in einen hässlichen Militarismus ab, der in persönlicher Tragik begründet sein mag. Der macht aber die ab 2004 veröffentlichten Alben ungenießbar. Soll ich das davor entstandenen, auch nicht wirklich optimistische Temple of the Morning Star deswegen ignorieren? Wie man hier lesen kann, will ich das nicht. Zumal Today Is The Day mit Willpower (94) und Sadness Will Prevail (02) zwei veritable Klassiker des Avant-Noise Metal gemacht haben. Die sind unverzichtbar. Und Album No. 4 – Temple of the Morning Star – ist nur um Weniges schwächer als diese beiden. Austin’s Stimme ist ein verzerrt-aggressives Kreischen oder Growlen, er klingt nach Death Metal und Grindcore, dazu gibt es harte, komplexe Rhythmen vom neuen Drummer Mike Hyde und dem Bassisten Christopher Reeser. Die Tempowechsel und ungeraden Rhythmen allein machen aus der Musik dieser Band ein eigenes Gewächs. Dazu arbeitete Austin mit Samples, spielte hoch-komplexe Riffs und schiefe Soli… dass diese Band nach den Aufnahmen in Austin’s eigenem Studio in Nashville mit Kayo Dot auf Tour gingen, passt perfekt. Die Art und Auswahl der Samples allein ist schon shocking. Da wird bei „Mankind“ ein Sample aus einem Horrorfilm (?) an den Anfang gestellt, bei dem ein kleines Kind um die Liebe seiner Mutter fleht, dann beginnt die Band mit Prog Rock um in rasendem Hardcore mit aggressiv-verzerrtem Geschrei Austin’s zu enden. Und Das in gerade mal zwei Minuten. Austin sol – nach eigenen Aussagen – zu dem Zeitpunkt quasi obdachlos gewesen sein. Allein – sein kreativer Reichtum war gewaltig, wenn auch sehr finster. Toll, dass auch Today Is The Day bei aller kompromisslosen Härte „Songs“ hatten: „Roots of All Evil“ etwa ist hart, natürlich finster… und auf böse Art eingängig. Man mag sich an Swans erinnert fühlen, an Neurosis, man hört Soundtracks zu Endzeit-Horrorfilmen. Und hat eine Band, die sicher nie „angenehm“ war, die aber auf extrem eigenständige Art Noise, Hass und Virtuosität verband.
Gravitar
Now the Road of Knives
(Charnel Music, 1997)

Die USA geben uns ’97 also Noise-Acts und Alben, die sich aus No Wave speisen, aus Indierock, aus dem guten alten Blues und aus hasserfülltem Hardcore… da fehlt noch Psychedelic-Noise. Und dafür gibt es mit Now The Road of Knives von der Detroit-Band Gravitar ein fantastisches Beispiel. Auch diese Band hatte schon fünf Jahre Existenz und zwei eigene sowie zwei Split-Releases hinter sich. Mit Gravitarrativaravitar hatten sie zwei Jahre zuvor schon einmal das Niveau und das Feld der Ideen mit noisy Psychedelik gedüngt. Dass auch diese Variante von Noise keinen kommerziellen Erfolg versprach, kann man vermuten – und wenn man ins massive Chaos der 14 Minuten von „Real II“ stürzt, dann wird der Gedanke der Publikums-Freundlichkeit zur Absurdität. Die Musik von Eric Cook (dr), Geoff Walker (electronics) und seinem Bruder Michael J. Walker (g) ist nah an dem, was japanische Label-Kollegen wie Mainliner oder Acid Mothers Temple machen. In den frühen 70ern haben Hawkwind bei Konzerten einzelne Tracks – was sage ich – einzelne Passagen ihrer schlichten Tracks – mit Hilfe von Lautstärke, Rückkopplungen und ständiger Repetition zu hypnotischen Orgien mit letztendlicher Katharsis gebracht. Dazu sollte man sich mal deren Space Ritual anhören… Gravitar machen diese Passagen zum Konzept von Now The Road of Knives. Drummer Cook donnert und klappert virtuos und erstaunlich präzise. Die Electronics von Geoff Walker sind Harsh Noise in reiner Form, sein Bruder Michael gibt den Tracks manchmal ein bisschen „Melodie“ – sprich – er lässt den Noise nicht völlig ins Chaos gleiten, sondern spielt ein bisschen wie die Gitarristen von 70er Heavy Psych-Bands wie Blue Cheer. Das Album entfesselt einen Noise-Orkan nach dem anderen. Man muss darauf hinweisen, dass es in den späten 90ern eine kleine Explosion solcher Psych-Noise-Jam Bands gab. Wie gesagt mit einem Zentrum in Japan. Und einige dieser Bands veröffentlichten auf Charnel Music – dem Label von Mason Jones, der wiederum bei SubArachnoid Space – einer der besseren Bands dieser Art – Gitarre spielte. Man war also irgendwie unter sich. Es tut gut, sich von einem Noise-Monster wie „Catadrone“ auffressen zu lassen. Hier wird eine Art des Noise zelebriert, die mit dem der anderen US-Noise-Acts in diesem Kapitel nicht vergleichbar ist. Psychedelisch-naturgewaltig.
Supersilent
1-3
(Rune Grammofon, 1997)

…und nun wieder was anderes: Hier stelle ich erst mal zwei Alben in den „Noise“ Kontext, die mit dem Noise der zuvor beschriebenen Acts/Alben wenig zu tun haben. Da ist schon mal die Tatsache, dass man bei einem Act, der sich Supersilent nennt, nicht von „lautem Krach“ ausgehen will. Aber diese Norweger machen dennoch etwas, das am Ende mindestens an den Noise von Birchville Cat Motel anknüpft. Da gab es das Free Jazz Trio Veslefrekk mit Arve Henriksen (tr), Ståle Storløkken (key) und Jarle Vespestad (dr), das 1997 gebeten wurde, mit dem Produzenten und Elektronik-Meister Helge Sten aka Deathprod ein Konzert zu spielen… das wiederum machte den Vier einen solchen Spaß, dass sie sich als Supersilent ins Studio begaben und los-improvisierten, was das Zeug hielt. Das Ergebnis war – noch im Dezember ’97 – das 188-minütige Album Supersilent 1-3. Und das Witzige an dieser Tour de Force ist, dass davon keine Minute zu viel ist (…oder es ist von Beginn an zu viel. Aber dann dürfte man Nichts in diesem Kapitel mögen…). Es geht schon los mit einem halbstündigen chaotisch metallischen mayhem, der mit klappernden Percussion startet, dann in eine Mischung aus Free Jazz und elektronischen Stürmen mündet, um immer tiefer in eine seltsamerweise dennoch harmonische Reihe von Explosionen zu münden. Ständige Veränderung ist Programm, Free Jazz-like „Aufeinander Hören“ ist ganz klar das Grundprinzip hier. Und die vier Musiker haben ein Verständnis für einander, das die Entstehung von Supersilent zwingend notwendig gemacht hat. Man kann sicher Deathprod’s elektronische Verfremdungen hervorheben – die heben diese Band über den Free Jazz hinaus. Aber ohne die organischen Bestandteile Drums, Trompete, Keyboard wären seine einfallsreichen Mutationen leblos. Bei „1.2“ werden die Drum-Patterns noch um einen Synth-Bass ergänzt, man könnte sich eine futuristische Version von Bitches Brew vorstellen, auch hier sind vor Allem die Drums von Jarle Vespestad ein Riesen Ding. Das folgende „1.3“ (Alle Tracks und alle folgenden Alben der Band sind minimalistisch gestyled und durchnummeriert) ist ein schockierend hartes Monster aus Stimmsamples und Drum-Chaos. Bei „1.4“ spielen die Musiker mit Laut-Leise Dynamik auf einer schlichten Trompeten-Melodie. Nach dem harten Noise der ersten CD folgt etwas Ruhe – obwohl die Stille folgender Alben noch nicht ausprobiert wird – ehe mit „2.5“ wieder das Biest erwacht. „3.1“ bis „3.4“ bereuen, was uns vorher angetan wurde und entschuldigen sich mit etwas mehr Melodie – und man erkennt, wie viele Möglichkeiten diese vier Leute noch haben… Und ja klar – das ist Noise. Eben ohne Blues, Gitarren und Hardcore im Herzen. Supersilent’s Alben 4, 5 und vor Allem 6 sind allesamt empfehlenswert für Leute mit Ohren, die hören wollen. Supersilent 6 findet sich im Kapitel 2003 – Golfkrieg, Vogelgrippe und ein erster Hitzerekord in Deutschland – White Stripes bis Songs: Ohia als eines der 12 besten Alben dieses Jahres wieder… wem das was bedeutet. Hier – auf 1-3 – waren Supersilent noch ein junges, chaos-verliebtes Jazz-Elektronik-EAI-Quartett, das Möglichkeiten auslotete. Groß…
AMM
Before Driving to the Chapel We Took Coffee With Rick and Jennifer Reed
(Matchless, 1997)

…und gerade habe ich die Buchstaben EAI geschrieben und erkläre also: EAI steht für Electro-Acoustic Improvisation. DAS ist es, was die drei Musiker von AMM seit 1967 (!) quasi unter Ausschluss der ignoranten Musik-Hörerschaft machen. OK – wenn Noise abstrakte Kunst ist, dann ist EAI möglicherweise Minimal Art. Dort wird wild und meist expressiv gemalt, hier werden zwei Farbtöne nebeneinander gestellt (und wer mag, kann sagen „Das kann doch jeder“… und dann weggehen). AMM sind zu diesem Zeitpunkt das Trio aus Eddie Prévost (Perc), John Tilbury (p) und Keith Rowe (g), ihr wunderbar betiteltes Live Album Before Driving to the Chapel We Took Coffee With Rick and Jennifer Reed war an der Rice University in Housto/TX im April des Vorjahres aufgenommen worden – und schon mal als Hinweis: Ob sie Live oder im Studio improvisieren ist für mich nicht unterscheidbar. Man hört maximal einen Stuhl scharren oder ein kurzes Händeklatschen irgendwo – denn diese Musik ist vor allem LEISE!! Also wurde hier in einer Uni-Aula improvisiert, indem der Drummer immer mal wieder auf seine verschiedenen Trommeln und Becken klopfte, allerdings ohne wirklich eine Struktur via Wiederholungen erzeugen zu wollen. Gitarrist Rowe (der einige schön experimentelle Solo-Alben veröffentlicht hat und der Campbell Kneales aka Birchville Cat Motel möglicherweise kennen wird…) hat sein Gitarre auf den Tisch gelegt und reibt, zupft, kratzt über die Saiten, um Geräusche zu erzeugen – keine Melodien oder gar „Riffs“… und nebenan berührt Tilbury angelegentlich die Tasten seines Pianos und ruht sich zwischendurch aus. Man hört sich (auch hier) gegenseitig zu, als wäre man Free Jazzer… aber man hat „Stille“ als Instrument dazu geholt. Auch bei AMM kann ich begreifen, wenn der melodieselige Pop- oder Rockmusik-Hörer alles vermisst, was ihn anfixt. Und der Vorwurf liegt in der Luft, dass hier sinnfrei-arrogant auf „akademisch“ getrimmte Spielerei betrieben wird. Na ja – aber warum sollten diese Typen das machen? Die bekommen weder Preise noch viel Geld und selbst die immaterielle Anerkennung blieb immer gering. Und MIR macht es enormen Spaß, mit zuzuhören, was Rowe bei „Toccata“ an den Saiten veranstaltet, und wie Prévost mit fast – nur fast – ekstatischem Geklapper reagiert und was Tilbury dazu auf die obersten Tasten seines Klaviers tropft. Nenn‘ Before Driving to the Chapel… meinetwegen anstrengend und doof. Ich habe großen Spaß und wusste lange nicht, dass es so was überhaupt gibt. Dass jemand den Mut und die Ideen hat, auf diese Art Musik zu erschaffen. Es ist wie mit Grindcore oder all dem Noise hier – wer solche Musik entdeckt, hat auf einmal ein ganzes Universum vor sich.
John Fahey
Womblife
(Table Of The Elements, 1997)

Under Construction
Cul De Sac/John Fahey
The Epiphany of Glenn Jones
(Thirsty Ear, 1997)

Fahey und Glenn Jones, der Gitarrist der experimentellen Post-Rock…. Whatever Band Cul De Sac waren schon lange befreundet. 1996 sah die beiden auf dem Album The Epiphany of Glenn Jones zusammenspielen. Das Album wurde zwei Wochen nach Fahey’s Solo-Album Womblife aufgenommen, und da es unter dem Namen Cul De Sac firmiert wird es geren in Fahey’s Discografie vergessen, allerdings zu unrecht, denn sein Einfluss auf die Musik war beträchtlich. Wer den Fahey dieser Jahre – den noch experimentierfreudi-geren Gitarristen hören will, findet hier ein wunderbares Beispiel.
Under Construction
Und zuletzt
Ich habe in der Einleitung auf das Kapitel über Noise aus Japan hingewiesen. Das sollte man lesen, wenn man hier seinen Spaß hatte. Und natürlich ist vieles, was in anderen Kapiteln über das Jahr 1997 vorkommt auch Noise: Blonde Redhead etwa machen mit Fake Can Be Just As Good ein tolles Noise/Indie Rock Album. Oder U.S. Maple’s Sang Phat Editor… es gibt in dem riesigen Indie Rock Feld haufenweise Noise. Das hier ist nur eine Auswahl…. Zu der ich den verärgerten Hinweis gebe, dass faktisch JEDES der hier beschriebenen Alben in physischer Form kaum bis gar nicht erhältlich ist. Diese Musik IST bewusst unkommerziell. Aber dies ist eine Avantgarde, die zu hören lohnt. In weit größerem Maße, als vieles, was man bis heute überall finden kann. Dass man die meisten Alben hier irgendwo streamen kann, mag helfen. Aber selbst das ist in manchen Fällen nicht machbar (siehe The Monolake von Gate). Sucht nach Möglichkeiten, diesen Noise zu hören. Es ist eine Anstrengung, die sich lohnt!!
