1970 – Gravy Train bis Rumplestiltskin – The Golden Age of Heavy Psych… UK-Style

Tja… hier haben wir eines dieser Kapitel, das andere Kapitel desselben Jahres in diesem Buch ad absurdum führen mag. Man kann die Überschrift 1970 – Deep Purple bis Stray – Daher kommen Hardrock und Heavy Metal gerne falsch finden, nachdem man die hier im folgenden beschriebenen Alben angehört hat.

Denn all die hier unter der Genrebezeichnung „Heavy Psych“ beschriebenen Alben SIND Hardrock, sind Proto-Metal… weil man diesen Heavy Psychedelic Rock als eine Art Hardrock bezeichnen kann… der der Ursprung des Heavy Metal ist… weil die hier vesammelten Bands eine gewisse „Härte“ im Sound gemeinsam haben. Diese Härte ist ein allgemein verbreiteter Trend im Rock nach ’68/69. Als im United Kingdom der Blues von jungen Weissen elektrifiziert wurde, wurde er auch abgewandelt und lauter und härter gespielt. Dann wurden die Blues-Wurzeln reduziert oder ganz gekappt, dieser Blues war auch in psychedelischen Nebel getaucht, dann wurde komplexer Progressive Rock beigemischt, dann wurde experimentiert – und auf einmal tauchten in den Kneipen und Konzerthallen Typen auf (immer nur Typen!!), die so toll Gitarre spielen wollten wie Hendrix und Clapton, die schreien wollten wie Robert Plant, die den Blues durchgehärtet hatten und etwas neues daraus gemacht hatten… das dann wiederum in einigen Jahren Bands wie Judas Priest zum Hardrock und zum Heavy Metal führen würde. Es waren insbesondere im UK spätestens seit ’69 etliche Bands unterwegs, die all die beschriebenen Süppchen mit unterschiedlichen Gewürz-Anteilen zusammenkochten. Und kleine und große Plattenfirmen sahen die nächsten Cream, Led Zeppelin, Black Sabbath, Deep Purple etc. in den Läden stehen. Was dazu führte, dass in dieser Zeit hunderte von Alben erschienen, die man u.a. unter besagtem Begriff „Heavy Psych“ erfassen kann. Es kam, wie es kommen musste… Der Markt wurde geflutet mit Alben, die schlicht niemand mehr hören konnte, weil niemand soviel Geld, Zeit und Lust hatte. Zumal bei kleineren Acts Promotion quasi ausfiel, Tourneen nicht stattfanden, die Mitglieder dieser Bands schnell was anderes machten, wenn Erfolg sich nicht sofort einstellte etc pp. Dieses kurze Aufblähen und Platzen eines Hypes hat sich in der Rock-Historie ständig wiederholt. Heraus kommen dabei ein paar Bands, die durchhalten… und eine große Anzahl bejammernswert vergessener Beispiele dafür, dass der Stil 1. mehr zu bieten hatte, als man im Nachhinein glaubt. 2. somit viele Alben gesuchte Sammlerstücke werden, die manchmal sogar die Sammelwut wert sind, zumal 3. Musik letztlich kein Reinheitsgebot kennt und somit ein großer Facettenreichtum existiert… so dass man wiederum (wie am Anfang gesagt) all diese Alben nennen und überschreiben kann, wie man will. Man liegt immer auch irgendwie falsch. Siehe…

T2 – It’ll All Work Out in Boomland
(Decca, 1970)

…. wie man an diesem perfekten Beispiel für den „Stil“ Heavy Psych hören kann. Heavy Psych ist schlicht komplexer, psychedelischer Hardrock – also Proto Heavy Metal. Lies über T2 im ’70er Kapitel Deep Purple bis…


Stray – s/t
(Transatlantic, 1970)

…deren erstes sehr gelungenes Album ist AUCH bzw. VOR ALLEM eines, das den Genre-Tag Heavy Psych trägt. Es ist alles da. Laute Gitarren, Härte, hier ein bisschen Psychedelic Folk, da ein bisschen Prog Rock. Aber vor Allem massig Können und Qualität. Was auch zutrifft auf…

Groundhogs – Thank Christ For The Bomb
(Liberty, 1970)

…. die als eine der britischen Blues Bands aus der zweiten Reihe inzwischen hart wie Stahl waren, die einen krassen Gitarristen und Sänger hatten, die ziemlich progressiv unterwegs waren, deren ’70er Album so was von Heavy und Psych ist, dass es ganz hervorragend passt neben…


Black Sabbath – s/t
(Vertigo, 1970)

…die beiden Black Sabbath Alben von 1970. Das Debüt Black Sabbath und Paranoid. Diese beiden sind die Alben, auf denen Heavy Metal aufbaut… und die mancher weiter unten beschriebenen Band als Vorbilder – oder mindestens Konkurrenten – dienen. Ganz diese Härte erreicht aber keiner…


Black Sabbath – Paranoid
(Vertigo, 1970)

…zumal nicht, wenn man DEN 70er Hit Black Sabbath’s auf diesem Klassiker hört. „Paranoid“ wird von niemandem erreicht. Auch nicht von…

Gravy Train
s/t

(Vertigo, 1970)

Cover – Hipgnosis

…das Debütalbum der Band, die als Mix aus Jethro Tull und Black Sabbath bezeichnet wird. (Weil Erstere einen Flötisten hatten und letztere heavy waren…). Es ist ein fairer Vergleich. Zumal, wenn man darauf hinweist, dass Gravy Train bei Weitem genug Charakter hatten, um nicht als Kopisten geschmäht zu werden. Die Kombination aus harter Rockgitarre, einem Flötisten, der aber mit seinem Saxophon beim 16-minütigen „Earl of Pocket Nook“ auch in Free Jazz Gefilde abschweifen konnte, war sicher individuell genug. Dazu komplexe Songs, die sich auch als „Progressive Rock“ bezeichnen lassen, weil sie voller Tempowechsel und Breaks und abgefahrener Improvisationen sind… Nein, Gravy Train ist nicht nur Proto Metal. Das ist Heavy Psychedelic ProgRock, der vor allem unverwechselbar ist…. Wie bei vielen Bands/Alben dieser Art wurde das „Songwriting“ eher den instrumentalen Spielereien und Improvisations-Orgien untergeordnet. Man könnte „Think of Life“ noch am ehesten als Versuch ansehen, eine Art Hit-Song zu schreiben. Aber diese Musiker waren Virtuose, die ihr Können voller Stolz präsentieren wollten und mit dieser Haltung den Zeitgeist trafen. Dass Norman Barratt allerdings keine gute Stimme hatte, war ein Nachteil, der leider auch auf etliche Zeitgenossen zutrifft. Nun – viel gesungen wird hier nicht.. Dass ihr Debüt dann auch noch auf dem krediblen Vertigo-Label erschien – dem Label von Black Sabbath – mag einen gewissen Erfolg verursacht haben. Dennoch – Gravy Train ist eines der obskureren Sammlerstücke des Heavy Psych. Immerhin Eines, das lohnt anzuhören. Gravy Train’s zweites Album war song-orientierter und dadurch vielleicht noch etwas besser – auch weil die Band zusammen blieb. Aber ihr harter progressiver Rock ging spätestens unter, als Glam und Pre-Punk aufkamen. Pech.

May Blitz
s/t

(Vertigo, 1970)

Cover vom NME-Cartoonisten Tony Benyon. Hat auch das erste Patto-Album gezeichnet

May Blitz gehörten neben Black Sabbath, Uriah Heep, Gravy Train und Juicy Lucy zu den ersten Bands auf dem Vertigo-Label… und ihr Debüt ist allein dadurch schon ein Collectors Item. Es waren zunächst der Bassist und der Drummer der ebenfalls ziemlich harten Band Bakerloo (deren ’69er Album mit dem Gitarristen Clem Clempson man hiernach hören sollte), die sich als May Blitz mit dem Virtuosen James Black zusammentaten. Der sang (ganz gut, aber nicht völlig beeindruckend) und spielte sehr originell Gitarre. Oft blieb er bei der akustische Gitarre über/unter harten Riffs. Dazu ein paar Songs, die sich in dem logischen, in dieser Zeit gerne genommenen Umfeld um Cream, Black Sabbath, Deep Purple bewegten. Noch vor der Produktion von May Blitz musste Black seine Leute gegen den Drummer von Jeff Beck und den Bassisten Reid Hudson austauschen – und trotzdem ist May Blitz eine gute Ergänzung zu den Alben der Label-Kollegen, unterscheidet sich genug von ihnen, hat Kraft und eine erdige Virtuosität, die nicht ganz so eingebildet ‚rüberkam… und ging dennoch (oder gerade deswegen) ziemlich schnell unter. Ich frage mich, ob das seltsame Plattencover vielleicht abgeschreckt hat? So was WAR in dieser Zeit ein Faktor. Denn die Songs auf May Blitz sind – für diese Art von Musik – erstaunlich haltbar. Spätere Hörer mögen sich an Stoner Rock-Acts der 90er erinnert fühlen. Gelinde psychedelische Passagen („Squeet“), einfallsreicher harter Rock mit stilecht bekifften Aussagen beim Opener „Smoking the Day Away“, bei „I Don’t Know“ klingen sie wegen der akustischen Gitarre wie die UK-Version der Band Love. Und wer wohlmeinend ist, kann James Black’s Gesang auch mit dem von Jack Bruce/Cream vergleichen. Es ist – auch hier – seltsam, dass dieses Album so unterging. Aber es gab zu Beginn der 70er ein Überangebot an Musik wie dieser… das später ganz zu Recht an Reputation gewonnen hat.. Der Nachfolger 2nd of May sei ebenfalls empfohlen…

Black Widow
Sacrifice

(CBS, 1970)

Cover Design Rick Breach – Cover Designer u.a. auch bei Killing Floor (s.u.)

Es war schon ein bisschen peinlich… Black Widow sprangen in Namen und Auftreten auf den Occult Heavy Rock Zug auf, in dessen Führerhäuschen Black Sabbath saßen – und gaben sich in allem noch „gruseliger“, als ihre schwarzen Brüder. Sie nannten einen Track auf dem Debüt Sacrifice sogar „Come to the Sabbat“… aber fatalerweise wurde ihr Debüt dadurch unfreiwillig komisch. Es ist einfach weit weg von jedem Horror, jeder „Evilness“. Da mochte Sänger Kip Trevor noch so laut rufen… „Whose very name near stills my heart? ASTAROTH!“…. Angst und Bange wurde dem Hörer gewiss nicht. Allein schon, weil Trevor nicht ansatzweise so gequält klang, wie Ozzy Osbourne. Auch, weil die Songs nicht die infernalische Härte oder den lähmenden Druck ausübten, den man heute noch bei „War Pigs“ oder „Paranoid“ spüren kann. Wenn ich aber gnädig bin, dann führen Bandname und Album-Titel einfach nur in die Irre – folgen einem Trend, der sehr kurz Verbreitung fand, der letztlich erst viel später von anderen Bands mit weit extremeren Mitteln aufgenommen wurde (Siehe Black Metal u. dgl.). Und wenn man das weiss – und wenn man sich vor Augen führt, dass es 1970 nichts vergleichbares gab – dann kann man Sacrifice als Heavy Psychedelic Rock-Album mit düsterer Thematik in den Texten begreifen. Und dann hört man doch ein paar gute Songs, deren aufgesetzter Grusel so tief geht, wie ein Dracula-Film der 70er. Man muss wissen, dass die Band schon ’66 als Pesky Gee jazzigen Progressive Rock gespielt hatte, aber dann vom Management eine Image-Korrektur und einen passenden Namen bekam. Man hört auf Sacrifice also versierte Musiker, die versuchen Prog mit Härte und Grusel zu machen. Wenn sie dann bei „Seduction“ in pure Prog-Gefilde abgleiten – incl. Flöte und Mellotron – dann sind sie wirklich gut. Der 11-minütigen Titeltrack wiederum ist Hard Rock, wie man ihn von Jethro Tull in dieser Zeit bekam (Höre deren Stand Up…). Ganz einfach – dann wird deutlich, dass diese Band nicht nur auf einem Image hätte aufbauen müssen…

Black Widow
s/t

(CBS, 1970)

Cover Design Rose Trengrove

…was die Musiker (und das Management) vielleicht dazu bewog, noch im Dezember desselben Jahres ein zweites Album zu veröffentlichen, bei dem die Okkult-Thematik komplett in den Hintergrund geschoben wurde. Mit Sacrifice hatten sie zwar kurz die Album Carts erreicht, aber wirklich groß waren sie nicht geworden. Man kann sagen, dass durch den Wegfall der infantilen Horror-Elemente nun deutlicher erkennbar wurde, dass Black Widow eine anständige, (typisch) virtuose Heavy Psychedelic Hardrock Band waren. Mit all den Eigenschaften, die an dieser Jahrzehnt-Wende scheinbar von vielen Hörern gesucht wurde. Die Schwemme solcher Bands – und die Tatsache, dass man dann doch schon viel Glück und einen eigenen Stil haben musste – führte zur Existenz dieses Haufens von Alben, die später obskur und dann zu Collector Items für Sammler wurden. Black Widow (das Album) ist gut, mindestens so gut wie Sacrifice, die Instrumentalpassagen bei Songs wie „The Journey“ sind gekonnt. Wer auf Keyboard- und Gitarrensoli stand, wurde gut bedient. Immer noch war Kip Trevor’s Stimme nicht beeindruckend, aber er musste nicht mehr evil klingen, was ihm wohl gut tat. Und mit dem Closer „Legend of Creation“ gibt es auch hier einen dieser Heavy Psych-Tracks, die alles haben, was man von dieser Musik will. Schwurbelige Lyrics mit übertriebenem Konzept und eifrige Musiker, die Allen zeigen, was sie können. Allerdings… Hard Rock war das nicht mehr!!

Horse
s/t

(RCA Victor, 1970)

Cover gezeichnet von Roger Wooton von Comus – der auch das Cover der eigenen Band gezeichnet hatte

Unter dem Riesenhaufen von Heavy Psych Alben findet der Sucher auch die Band Horse und ihr einziges, heutzutage absurd teuer gehandeltes gleichnamiges Album. Warum gerade dieses Album unterging, ist so (un)verständlich, wie der Untergang anderer hier beschriebener Alben. Die High School Freunde Rod Roach (g) und Adrian Hawkins (voc) hatten die Band im Vorjahr gegründet, Roach hatte mit einigen anderen Bands gejammt, war einer dieser anerkannten jungen Gitarristen, die sich an Hendrix und Page orientierten. Man fand mit Colin Standring einen fähigen Bassisten und mit Rick Parnell einen passenden Drummer und spielte bei Joe Cocker, David Bowie und Deep Purple im Vorprogramm. Die Konzerte sollen mit ihrem witzigen okkulten Konzept ziemliche Begeisterung hervorgerufen haben. Horse unterschrieben bei RCA und durften in den Olympic-Studios – in denen sonst die Stones aufnahmen – ihr Debüt aufnehmen. Und Horse hat wirklich gute Songs..! „The Sacrifice“ ist offenbar von Jimi Hendrix beeinflusst. Die Gitarre jault und weint und malt psychedelische Ornamente, und da wird nicht bloß abgekupfert. Horse’s Songs haben zwischen Härte und Psychedelik ihren eigenen Charakter. „Freedom Rider“ ist fast blumig, aber die Band kann auch gesunde Härte: „To Greet the Sun“ hat den Okkult-Charakter, der im Gefolge von Black Sabbath ein paar Bands hochspülte… die aber dann in 2-3 Jahren vergessen werden würden. Was aber nichts daran ändert, dass auf Horse einige wirklich gelungene Songs dieser Art von okkultem Heavy Psychedelic Rock zu finden sind. Man mag Hawkins‘ Stimme vielleicht etwas zu schwächlich finden. Man mag die pubertären Lyrics albern finden, aber diese Faktoren werden von den tollen Gitarren, gelungenen Songs, durchdachter Atmosphäre und einer erstaunlichen Stilsicherheit in den Hintergrund geschoben. Horse ist Occult Heavy Psych in gut. Sollte man anhören.

Jody Grind
Far Canal

(Transatlantic, 1970)

Cover Design Peter Thaine – hatte auch das Cover der Band T2 designed

Das zweite und letzte Album von Jody Grind ist ein weiterer dieser (nicht ganz) vergessenen Edelsteine des Progressiven (Hard?) Rock. Auch Jody Grind gingen durch etliche Besetzungswechsel, Bandgründer und Keyboarder Tim Hinkley war in den paar Monaten ihrer Existenz die einzige Konstante. Dass bei all dem Durcheinander mit One Step On (69) und Far Canal dennoch zwei so famos musizierte, leidenschaftliche Alben entstanden, kann man nur begreifen, wenn man weiss, dass in der Szene mit dieser Band Freunde miteinander spielten. Im Umkreis ihrer Szene in Norwich findet man Acts wie Patto, Renaissance… Kumpels eben. Dass Tim Hinkley ein hervorragender, jazz-informierter Keyboarder war (der Bandname ist nicht von ungefähr der Titel eines Albums von Horace Silver), der die Songs mit seiner dröhnenden Orgel zusammenhielt, gibt der Musik der beiden Alben Charakter. Für Far Canal hatte er den Gitarristen Bernie Holland an Stelle seines ebenfalls tollen Vorgängers Ivan Zagni geholt und in sechs Monaten wurde ein Album zusammengebaut. Dass der Opener erst mal ein barockes Gitarrenduett bietet, dass dann in instrumentalen Overkill gleitet, zeigt, wie weit Hinkely’s Vision ging, wie wenig er sein Ego in den Vordergrund stellen wollte. Dass es bei „O Paradiso“ eine zeittypisches Drum-Soli gibt… geschenkt. Zumal danach der rasante, live eingespielte Rocker „Plastc Shit“ zeigt, was in diesen Tagen in den Clubs los war. Diese Leute kannten und liebten Hendrix, Cream und Bands wie Caravan, die man meinetwegen bei „Red Worms & Lice“ hören mag. Far Canal ist ein perfektes Beispiel für den psychedelischen harten Rock, den in diesen Jahren junge Leute voller Begeisterung für die eigenen Ideen auf ihre Altersgenossen losließen. Dass Jody Grind meist umsonst bei irgendwelchen Events auftraten, half nicht bei der „Karriere“. Noch 1970 mussten sie aufgeben, Hinkley wurde ein gefragter Sessionmusiker. Die beiden Jody Grind Alben höre doch bitte, wer auch das folgende mag…

Trapeze
s/t

(Threshold, 1970)

Hier nun die beiden 70er Alben der Band um den baldigen Deep Purple-Bassisten Glenn Hughes. Dass der sich bei den enorm erfolgreichen Egomanen des Progressiven Hard Rock unter Wert verkaufen MUSSTE, kann man an den beiden ersten Alben von Trapeze trefflich erkennen. Hughes hatte bei Trapeze mit dem Co-Sänger und Gitarristen Mel Galley einen talentierten Kollegen an der Seite, der die so wichtige Gitarre halten konnte. Dazu der Drummer Dave Holland und auf dem von psychedelischen Schwaden durchzogenen Debüt Trapeze noch der Keyboarder Terry Rowley. Da war eine Menge Talent versammelt. Dass Trapeze noch nicht der ganz große Wurf war, sei dennoch gesagt und zugleich verziehen. Das waren alles junge Männer um die 20 Jahre. Es gibt hier noch ein paar Fingerübungen, die übrigens auch mit Hardrock wenig zu tun haben. Trapeze klingen auf diesem Debüt mitunter sehr soft. Insbesondere Keyboarder Rowley erging sich in prog-barocken Ausschmückungen, die eher an Yes o der dgl. gemahnen. Aber etwas düsterere Songs wie „Suicide“ hatten Sinn und Power. Und man konnte schon hören, dass Glenn Hughes eine tolle Stimme hatte, die bald auch bei Deep Purple gehört werden würde. Dass er dann aber mit David Coverdale einen anderen Sänger vor die Nase gesetzt bekam, hat eher mit Ritchie Blackmore’s Ego zu tun, als mit seiner Stimme. Na ja – und konnte ja auch einen prägnanten Bass spielen…


Trapeze
Medusa

(Threshold, 1970)

Under Construction

Toe Fat
s/t

(Parlophone, 1970)

Design: Hipgonsis

Dass dies die Band eines zuvor mittel-erfolgreichen Beat-Musikers war, ist nicht zu hören. Cliff Bennett hatte mit seinen Rebel Rousers – um ’64 tief im Schatten der Beatlesseine five minutes of fame. Er erkannte die Zeichen der Zeit, ließ sich lange Haare und einen Bart wachsen und suchte sich ein paar Musiker zusammen, mit denen er unter dem Namen Toe Fat den kräftigen, leicht psychedelischen Hardrock versuchte, der Anfang der 70er eben angesagt war. Er hatte Songs – das muss man sagen. Und mit den Ex-Gods Ken Hensley (g), John Konas (b) und Lee Kerslake (b) waren Leute von Fach dabei (Das ’68er Gods Album Genesis ist ein feiner Vorläufer für den Heavy Psych der frühen 70er). Ein Vertrag mit dem US-Progressive Rock Zweig von Motown (!) kam zustande, DJ John Peel war erfreut und produzierte, das Album wurde in Europa veröffentlicht…allein… der Erfolg blieb übersichtlich. Vielleicht war Toe Fat ZU typisch für diese Zeit und diese Art von Musik. Beim Opener „That’s My Love for You“ hört man viel Deep Purple, „The Wherefors and The Whys“ ist Beat mit heulender Gitarre, der Rhythmus ist immer schön hart, und es gibt mit dem sechs-minütigen „Nobody“ auch eines dieser Gitarren-Feuerwerke, die zu der Zeit einfach state of the art waren. Mit „Bad Side of the Moon“ spielen Toe Fat auch einen frühen Song von Elton John, und auch der ist gelungen… gelungen, aber nicht völlig beeindruckend. Toe Fat ist einfach ein gutes Album, aber es zeigt auch das Problem des Heavy Psych: Wenn die Songs (oder die Solisten) nicht völlig umhauen, wird diese Musik (… wie die meiste „harte“ Musik“…) sehr leicht arg gleichförmig. Dass Hensley und Kerslake mit Uriah Heep noch 1970 eine Band formten, die immer auch an dröger Gleichförmigkeit krankte, ist da bezeichnend. Bennett machte ’71 mit neuen Musikern noch ein zweites Album (Toe Fat Two), das auch nicht schlecht ist… aber eben nicht so toll, wie die ’71er Alben von Deep Purple (oder Uriah Heep, was das angeht…)

Killing Floor
Out of Uranus

(Penny Farthing, 1970)

Cover Design Rick Breach – Cover Designer u.a. auch bei Black Widow (s.o.)

Kurz bevor Toe Fat aufgaben ging der Gitarrist von Killing Floor zu ihnen… um ein paar Wochen mitzutun, und danach nur noch bei diversen Blues-Revival Aktionen dabei zu sein. Wie beschrieben: In den drei Jahren ’69 bis ’71 regnete es regelrecht Heavy Blues Psych Alben. Out of Uranus – das zweite Album von Killing Floor – ist wieder eines der Besseren. Die Band war ’68 entstanden, Clark und sein Kumpel, der Sänger und Harp-Spieler Bill Thorndycraft nahmen sich die Yardbirds zum Vorbild (aus denen ja Led Zeppelin hervorgingen) und spielten alte Blues-Klassiker härter und lauter… etc etc. Das Rezept kann man bei den meisten Bands in diesem Kapitel lesen. Es gab eine UK-Tour mit Freddie King, es gab Aufnahmen mit dem US-Blues Altmeister Arthur Crudup, es gab Besetzungswechsel und mit Out of Uranus ein Album, auf dem die Band sich von den Vorbildern emanzipierte. Hier waren alle Tracks von der Band geschrieben und mussten sich nicht vor den Klassikern verstecken. Alle lassen dem Gitarristen oder/und der Harp Platz zum Solieren. Die Vocals von Thorndycraft sind fast Punk (!), das war kein Blues-Shouter, der musste versuchen, roh zu klingen und machte das mit einer „Rotzigkeit“, die manchen Bluesrock-Fans zu wenig nach Baumwolle geklungen haben mögen. Eine Deutschland-Tour machte sie dort halbwegs populär, aber dennoch blieb Out of Uranus eine Randnotiz. Auch wenn sie bei Tracks wie „Sun Keeps Shining“ mit Ten Years After-Jazz oder bei „Milkman“ mit Folk-Blues und feinem Songwriting glänzen konnten. Dass dieses Album mit Energie und Spaß daher kommt, macht es mindestens erwähnenswert. Auch hier handelt es sich um ein Collector’s Item – auch wegen des schön psychedelischen Covers. ’71 wurde Thorndycraft noch kurz von Juicy Lucy’s Bill Owens ersetzt… aber – wie oben gesagt – Clarke wechselte zu Toe Fat und die Band zerbrach.

Elias Hulk
Unchained

(Youngblood, 1970)

Sleeve Design Peter Lee

Wenn Obskurität und Sammlerwert an der amateurhaften Ausführung des Cover-Designs ablesbar ist, (…ist es manchmal…), dann ist Unchained von Elias Hulk zwingend ein teures Collectors Item. Genau das wurde dieses einzige Album der Band aus Bournemouth dann auch. Die Band war Ende der 60er vom Bassisten Jim Haines und dem Drummer Bernard James initiiert worden. Dass hier nicht ein Gitarrist der Kopf der Aktion war, hört man dem Album an… Wobei die Band dann tatsächlich zwei Gitarristen holte – Grenville Frazer und Neil Tatum, sowie mit Peter Thorpe sogar einen hervorragenden Blues-Shouter in ihren Reihen hatte. Und das allein sind schon Fünf Gründe für die Integration dieses Albums in dieses Kapitel: Der sehr massive, von Bass und Drums bestimmte Sound, ein fähiger Sänger, zwei Gitarristen, die selbstverständlich auch wussten, was zu tun war… um eine Mischung auch Hardrock und Krautrock mit durchdachten Songs einzuspielen. Bevor Unchained aufgenommen wurde, tourte die Band ausgiebig, war auch in Deutschland mit ihren kraftvollen Songs beliebt genug, dass das Album dann tatsächlich im UK, Deutschland und Australien veröffentlicht wurde. Und wieder kann man sich fragen, warum ausgerechnet dieses Kraftpaket nicht mehr Anhänger fand. Na ja – Young Blood war ein kleines Label, und das Plattencover war ähnlich kultig, wie das der vergleichbar guten May Blitz. Also hören und hörten nur Eingeweihte Songs wie den famosen Power-Rocker „Yesterdays Trip“. Und nur der 70er Jahre-Rock-Conaisseur akzeptiert, dass der Opener „We Can Fly“ mit einem dreiminütigen Drum-Solo aufwartet.

Mott The Hoople
Mad Shadows

(Island, 1970)

Front Cover Foto – Gabi Nasemann – gespiegelter Feuerrost

Mott The Hoople kennt man (so man sie kennt) als die Band, die unter David Bowie’s Ägide 1972 den Hit „All the Young Dudes“ in die Charts brachten… und Glam mit-fundamentierten. Aber die Band existierte und reüssierte lange VOR Bowie. Mott The Hoople hatte mit Ian Hunter einen Sänger, dessen Stimme vielleicht nicht die tollste war, der aber massig Ausstrahlung hatte und sich zum klugen Lyricist entwickelte. Und die instrumentale Besetzung mit Mick Ralphs an der (auch hier…) sehr guten Lead-Gitarre und dem Bassisten und Songwriter Overend Watts steht über einigen der hier genannten Bands. Mad Shadows war nach dem ’69er Debüt Mott the Hoople eigentlich „bloß“ eine Fortführung der Ideen und des Stils dieser Band. Hier glitzerte noch kaum Glam – dafür gab es leicht psychedelischen Hard Rock, der im Kern so hart war, wie der Bluesrock von Free. Dazu hämmerte Ian Hunter auch noch auf dem Piano herum, dass man an Jerry Lee Lewis denken mochte. Dann auch noch eine dröhnende Orgel bei einer feinen Ballade wir „No Wheels to Ride“ – Mott The Hoople hatten einen facettenreichen Sound, verloren aber dennoch nie den Faden. Auch und gerade WEIL Hunter’s Stimme eher krächzte wie Dylan. Die konnten hart rocken wie beim Opener „Thunderbuck Ram“, aber auch wunderbares Pathos verbreiten (ein Faktor, der im Hardrock der kommenden Jahre wichtig werden würde), die hatten sogar Songs, die das vertrugen. Wenn man „You Are One of Us“ und das folgende „Walkin With a Mountain“ hört, dann begreift man leicht, wo der David Bowie der frühen 70er die Verwandschaft sah. Das Pathos hat einen gewissen untergründigen Sex. Insbesondere Mick Ralphs‘ Gitarre klingt wie demnächst Ronson auf Bowie’s Alben. Mad Shadows ist eines der wirklich guten und facettenreichen Alben des frühen Hardrock. Es IST heavy, aber auf neue Art. Es zeigt eine der vielen Quellen des kommenden Heavy Metal.

Ancient Grease
Women and Children First

(Mercury, 1970)

Plattencover vielleicht von Keith MacMillan aka Keef. Fotograf von Black Sabbath’s ersten beiden Alben

Hier nun mal eine Heavy Psych Band, die einen wirklich guten Sänger in ihren Reihen hatte. Gareth Mortimer würde in den Mitt-Siebzigern mit den Racing Cars Power Pop mit rauer Stimme liefern. Und mit der Single „They Shoot Horses, Don’t They?“ 1977 sogar einen Charts-Erfolg haben… mehr, als er mit den schon ’67 in Wales entstandenen Ancient Grease jemals hatte. Und auch hier… schade eigentlich, weil auch hier sehr virtuos musiziert wurde, weil die Mischung aus Psychedelia und Hard Rock gekonnt und einfallsreich gespielt wurde. Dass die Band eigentlich als Strawberry Dust in Wales entstanden war und vom späteren Gentle Giant Drummer John Weathers bequatscht wurde, dessen Songs einzuspielen, mag ihnen nicht zum Erfolg gereicht haben. Dass der Bandname Ancient Grease vom Manager bei Mercury ohne Wissen der Musiker auf’s Album-Cover kam, war noch so ein Ding, das den Musikern den Spaß verdorben haben dürfte. Dabei git auch hier… Gitarrist Graham Headley Willams (der mit Mortimer dann zu den Racing Cars ging) war ein weiterer Meister an den Sechs Saiten. Die Songs wurden als einfallsreich und abwechslungsreich zwischen Psychedelik und Progressive changierender Hard Rock eingespielt. Und auch Women and Children First hat ein paar dieser mitreissenden Songs, die sich auf jedem der hier beschriebenen Album finden lassen. Beim „Eagle Song“ dröhnt Phil Ryan’s Orgel fast wie bei Procol Harum, nur wirkt da Mortimer’s Gesang seltsam gequetscht. Das Klavier spielt eine gleichberechtigte Rolle auf dem Album, diese Band war offensichtlich gut eingespielt, wusste, was sie tat. „Mother Grease the Cat“ ist kraftvoller Rock mit tollem Gesang und einem beeindruckenden Riff. Und der Closer und Titelsong „Women and Children First“ würde auch einer Band wie Free gut anstehen. Am Besten waren Ancient Grease, wenn Gareth Mortimer’s seine Stimme losließ und zwischen den Gesangs-Passagen die Gitarren heulten und die Orgel dröhnte. Dann ist Women and Children First mit wenigen der Vorbilder zu vergleichen.

Rumplestiltskin
s/t

(Bell, 1970)

Cover-Comic Angus McGill

…wie diese Band zusammenkam… auch so eine seltsame Geschichte: Unter diesem aus der deutschen Sagenwelt entlehnten Namen taten sich Anfang ’70 auf Betreiben des Kinks, Who etc. Produzenten Shel Talmy die Studiomusiker Alan Hawkshaw (key), Alan Parker (g), Herbie Flowers (b) und Clem Cattini (dr) zusammen, um dem Zeitgeist entsprechende – selbstverfasste – Heavy Psych Songs aufzunehmen. Sie allesamt hatten für Andere Acts gespielt bzw. würden für andere namhafte Musiker spielen, insbesondere Herbie Flowers machte sich später einen Namen. Dass die Vier in anderen Projekten zugleich Soul und instrumentalen Psychedelic Rock machten, zeigt, warum Talmy sie zusammenholte und was die konnten… Allein schon durch den Sänger Peter Charles Greene ist Rumplestiltskin aber das kompletteste und interessanteste Produkt dieser Gruppe von Musikern. Jeder Musiker hier kann glänzen, Hawkshaw’s Hammond etwa ist virtuos, dröhnt beeindruckend, gibt den Songs zwischen Jazz, Prog und Hardrock eine Facette, die man bei den meisten anderen Bands dieser Zeit und Art nicht findet. Dass Peter Greene eine wirklich tolle Stimme hat, ist ein weiterer Bonus. Das fehlte (wie ich hier oft erwähne) etlichen anderen Bands dieser Art. Seine Stimme ist rau, blues-gefärbt, ausdrucksstark und kommt überall hin. Dass der Typ (der ein zusätzliches „e“ an den Nachnamen gehängt bekam, um nicht mit dem Fleetwood Mac Gitarristen verwechselt zu werden) danach unter dem Pseudonym Daniel Boone mit seichtem Pop mäßigen Erfolg hatte, ist traurig. Hier veredelte er die Songs, die – natürlich – auch noch tolle Gitarren-Passagen hatten. „Pate de Foie Gras“ etwa ist ein weiteres Highlight des Heavy Psych… oder was man dazu sagen will. Da sind sie so schnell, wie Ten Years After, virtuoser als die meisten anderen hier und dazu noch kaum mit anderen Bands zu verwechseln. Rumplestiltskin ist der nächste Edelstein in der Sammlung der Heavy Psych-Alben, die man gehört haben sollte… WENN man dieser Musik etwas abgewinnen kann. Es ist sicher altmodischer Rock mit all den vom Punk und Post Punk weggespülten Eigenschaften wie instrumentaler Angeberei und Blues-Gefühligkeit. Aber dahinter stand 1970 die gleiche Auflehnung gegen die verkrustete Strukturen und eine alte Generation, die in ein paar Jahren Punk explodieren ließ.