2003 – Blur bis Tomte – So geht European Indie Rock…

Klar – irgendwie beziehe ich mich auch hier auf das Andrew Earles-Buch Gimme Indie Rock, das sich auf die intelligente Musik der USA zwischen 1981 und 1996 bezieht. Und auch klar – es gab danach interessante und tolle Musik in den USA… und natürlich auch in Europa…

…auch in Europa bezogen sich viele sog. Indie-Bands auf Indie Rock aus den USA und aus dem UK, so wie sich viele US Bands auf Bands aus dem UK und Europa bezogen. Hier folgt nun eine Auswahl europäischer Alben, die eigentlich bloß dadurch verbunden sind, dass „… wem Blur gefällt, auch The Coral gefallen könnte… oder I Am Kloot, oder Blumfeld (um auch Deutschsprachigen Indie Rock zu beschreiben) oder Mew (um mal in Dänemark nachzuhören). Soviel zum Auswahlprinzip. Dass 2003 „Indie-Rockmusik“ – und auch alle anderen Formen der Populären Musik – in ein schwer differenzierbares Gemisch aus persönlichen Ideen und verwinkelten Stil-Spielereien zerläuft, könnte man beklagen. Nur – warum eigentlich? Die Musiker dieser Tage im UK, in Skandinavien, in Deutschland kennen nun mal einen Berg aus 50 Jahren Popmusik. Man kann und wird sich also überall bedienen, Vorbilder gibt es fast ZU viele, Ideen lassen sich leicht verwirklichen, nichts ist mehr so uncool, dass man es nicht verwenden dürfte. Daraus entsteht eine gewisse Beliebigkeit, und dass Indie Rock deswegen in den Nullerjahren nicht mehr der heiße Scheiss ist, mag nachvollziehbar sein, entspricht den Schwankungen durch Hypes und Trends. Der Blick auf diese Musik mag sich ja irgendwann wieder ändern. Und die Kreativen in diesem Kapitel sind einfallsreich genug, aus all den bekannten Teilen etwas Interessantes zusammen zu setzen. Siehe Radiohead, deren Mix aus Elektronischer Musik, Progressivem Rock und melodisch ausgefeiltestem Pop in Kombination mit einer engelhaften Stimme und virtuosen Musikern seit den End-90ern als Revolution betrachtet wird. Darin sind ihnen Bands wie die etwas älteren Blur übrigens ähnlich. Eine Verbindung aus den individuellen Erfahrungen ihres Sängers + britisches Kinks-Songwriting und verschiedene Stilarten, die in ihre vorhandene Struktur hinein gerührt wird. Das gelingt, das wird sogar sehr gut. All die Musiker hier haben – ganz britisch – die Beatles und die Stones, Pink Floyd und The Clash gehört. Die imitieren nicht, die wissen nur, was man machen kann und die kennen neue Tricks von Acts wie Portishead bis Aphex Twin. Hier also die Musik, die bei all dem herauskommt. Die Musik, bei der der Song wichtig ist, in der eine gewisse Pop-Qualität mit Anspruch verbunden wird, ohne zu über-intellektualisieren, aber auch ohne Banalität zu erzeugen. Anspruchsvoller Indie Rock in und aus Europa. Mit den Nachfolgern des Brit Pop – dem letzten großen Style-Hype im UK. Hört also…

Radiohead – Hail to the Thief
(Parlophone, 2003)

Die britische Band, die sich in einen Status der Unantastbarkeit manövriert hat mit dem nächsten revolutionären Album mit experimenteller, elektronisch verzerrter Rockmusik voller wunderbarer Songs. So britisch, dass man es kaum noch bemerkt.

Blur
Think Tank

(Parlophone, 2003)

Cover von Banksy

Blur gehören eigentlich zur Generation VOR Radiohead. Sie hatten Brit-Pop definiert, hatten das Ende des Hypes in mehr als bloßer Würde überstanden und mit dem Album 13 vor vier Jahren ein sehr gutes experimentelles Album mit viel Pop-Sensibilität gemacht. Aber seither war einiges geschehen. Sänger Damon Albarn hatte sein Projekt Gorillaz gestartet und war damit zu Recht ziemlich erfolgreich und Kreativ-Kopf Jams Coxon hatte Drogenprobleme und wollte bei dem neuen Album nicht mitmachen. Man sagte, die Lust der Band an diesem Album wäre nicht so groß gewesen… und so waren alle erfreut, überrascht, und ein bisschen desinteressiert, als mit Think Tank ein sehr gelungener Nachfolger zu 13 erschien. Damon Albarn nutzte seine Erkenntnisse und Ideen von den Gorillaz, Bassist Alex James und Drummer Dave Rowntree durften mehr kreativen Input liefern. Alle waren offenbar zufrieden und dass hier mit William Orbit und Norman Cook aka Fatboy Slim neben Ben Hillier mehrere Produzenten ihre Fähigkeiten einfließen ließen, schadete nicht im geringsten. Im Gegenteil – Think Tank IST abwechslungsreich, hat Vibes, die man so noch nicht kannte. Und – wie bei den beiden vorherigen Alben – Blur schafften es, in allen neuen Verkleidungen dennoch als Blur erkennbar zu bleiben. UND sie hatten Songs, die den TripHop-, den Electronic-, den World Music- und den Psychedelic-Vibe gut vertrugen. Weil es eben gute Songs waren!. Dass Think Tank durchaus als Damon Albarn Solo-Album durchgehen könnte, sei verziehen. Die Band wusste wohl nicht, wie und vor allem, DASS es eine Dekade später wieder mit Graham Coxon an Bord weitergehen würde. Und so? Hier sind Tracks wie der Opener „Ambulance“ oder „Gene By Gene“, die Blur mit Gorillaz verbinden und tolle schlaue Popmusik sind. Man kann sagen, dass Bur – wie Radiohead – das Experiment, elektronische Musik, die ganze Welt in ihren Kosmos einbauten. Und damit tolle Musik schufen.

The Coral
Magic and Medicine

(Deltasonic, 2003)

Cover von The Coral’s Drummer Ian Skelly

The Coral wiederum klingen so britisch wie 5-Uhr Tee… aber für den Brit Pop Hype kamen sie natürlich fünf Jahre zu spät. Dabei… na ja – sie wären sicher relativ passend gewesen. Andererseits – wie in der Einleitung beschrieben. Nach – aber auch vor dem – Hype wilderten britischen Bands in allen möglichen Stilarten. The Coral tauchten sehr tief in die britische Psychedelic a la Beatles, Zombies oder Pretty Things ein. Mit Stil und – genau – mit feinen Songs, die wie aus den 60ern gebeamt klangen. Sänger, Songwriter und Gitarrist James Skelly wäre im UFO-Club nicht verloren gewesen, aber er hatte auch eine flegelhafte, irgendwie punk-artige Stimme. Man mag noch, wenn man man noch mehr Vergleiche hören will, an die La’s denken. Aber sicher hatten The Coral nich einfach vor, „wie irgendjemand“ zu klingen. Der Spirit mag anderen Bands aus der Vergangenheit vergleichbar sein, aber Songs wie „Don’t Think You’re the First“ sind keine schlichte Pastiche. Das ist klug ausgedacht, klug gemacht und mit der Virtuosität ausgeführt, die in den 00ern keine Ausnahme mehr war, die aber Alben wie Magic and Medicine so beeindruckend werden ließen. Da sind Songs wie „Bill McCall“ mit abgrundtief-traurigen Lyrics: „And every day when he gets the train /Looks out the window and thinks in vain /If only I could be that boy again /If only he could be that boy again…“ wo Skelly sich in Ray Davies-Höhen bewegt, wo die Band klingt, wie man sich die Acts im Marquee ca 1970 vorstellen mag. The Coral zitieren… aber das tun sie meisterlich. Und sie haben unkonventionelle Ideen. Klar – ihre Musik ist irgendwie auch konservativ. Aber konservativ ist Magic and Medicine mit Stil. Von Jemandem, der die Traditionen der britischen Psychedelia liebt und sie deswegen studiert hatte.

The Bluetonens
Luxembourg

(Superior Quality, 2003)

Die Bluetones wiederum sind gewiss mehr „purer“ BritPop als The Coral. Sie kamen mit ihrem formidablen Debüt Expecting to Fly gerade mal ein paar Monate zu spät für den Hype. Februar 1996 wurde von der blöden UK-Musikpresse schon das Meiste weggedisst, was sich nach BritPop anhörte. So war es dann bewundernswert, dass – und wie – diese Band um den Songwriter Mark Morriss unverdrossen weitermachte. Und wie das so ist im BritPop… ihr viertes Album Luxembourg ist BritPop in Ideal-Ausführung. Britischer Power Pop, mit extrem cleveren Hooks, ein Album mit der ökonomisch-sinnvollen Kürze von 35 Minuten, mit zehn Songs, die alle Kollegen froh gemacht hätten, wären sie ihnen eingefallen. Mit dem Stil, den die paar übrigen Kenner mochten. Morriss Stimme ist jung und hektisch, die Rhythmen sind flott bis schnell, die Refrains bleiben allesamt im Kopf ohne zu langweilen. Somit wäre dieses Album also perfekt… für die Leute, die 2003 noch Power Pop hören wollten, oder die ihn irgendwann entdecken würden. Und dann wird man direkt mal von drei echten Power Pop Perlen weggeblasen: „Here It Comes Again“, „Fast Boy“ und „Liquid Lips“ haben all das, was man in den späten 70ern und den frühen 90ern bei den wirklich guten Bands und Musikern fand, die nicht nur den Nihilismus des Punk feierten. Und die Bluetones sind nicht bloß Power Pop… da ist natürlich der Stolz auf die Roots des BritPop, auf Kinks, Beatles und Costello mit einer modernen, klaren Produktion, einer Menge Ideen, sowohl melodisch als auch in den Arrangements. Und wenn ich noch sage, dass die Lyrics auch noch lesenswert sind…? Marc Morriss ist nicht nur nett: Bei „Liquid Lips“ heisst es im Refrain…„Back stabber, money grabber You want to grind my bones to climb the ladder Insipid, and weak with it But I mistook you for a kindred spirit And to think that you almost fooled us With promises and acquired kudosLuxembourg ist ein durchgehend lohnendes Album mit Indiepop, der letztlich zeitlos ist.

British Sea Power
The Decline Of British Sea Power

(Rough Trade, 2003)

British Sea Power waren eine Band, die sich seit der Mitte der 90er unter diversen Namen und mit diversen Mitgliedern langsam um den Kern aus den Brüdern Jan Scott Wilkinson (Yan), Neil Hamilton Wilkinson (Hamilton) und Martin Noble (Noble) formiert hatte. Sie nannten sich zunächst British Air Powers, benannten sich dann in British Sea Power um und wurden später zu Sea Power… was dokumentiert, dass diese Band sich von den unterschiedlichsten musikalischen Stilen beeinflussen ließ. Ihre Musik und ihr komplettes Auftreten war konzeptuell, würde unter diesem Überbau später teilweise fast zusammenbrechen, aber ihr Debüt The Decline Of British Sea Power war – nach einer ziemlich erfolgreichen Singel („Carrion“) – ein mitreissendes, kluges und sehr eigenständiges Stück britischer… Popmusik?, Indie Rock? Noisy Art Rock? Ich will einfach mal versuchen zu beschreiben: Da ist Yan’s immer ein bisschen gepresste, gestresste Stimme. Der klingt nach atemlos dringenden Botschaften und Verzweiflung, was wiederum an Arcade Fire erinnern mag. Dazu Noble’s elegante Gitarrenchords, ökonomisch, klug, effektiv und sparsam und… na ja – romantisch. Dazu Rhythmen, die nach New Wave und jagendem Puls klingen. Diese Musik erzeugt Bilder von stürmischer See und mutigen Männern auf schwankenden Booten. Die Songs sind durchweg mitreißend. Auch dieses Album ist (wieder) erfreulich abwechslungsreich und BSP sind mit anderen Bands nicht vergleichbar. Nur die US-Band Arcade Fire – die ebenfalls 2003 ihre Debüt EP veröffentlichte – würde mit ähnlich romantisch-exaltierter Musik Furore machen. British Sea Power hatten – trotz witziger Ideen wie ihren sehr ungewöhnlichen Auftrittsorten und wilden Konzerten – weniger Erfolg, machten aber erfreulicherweise dennoch unverdrossen weiter. The Decline Of British Sea Power ist in ganz vielen Teilen ein begeisterndes, aber auch ein anstrengendes Album mit Songs, die dem Hörer den Atem rauben sollen. Wer nach den 14 Minuten von „Lately“ nicht ergriffen ist, der hat kein Herz. Erstaunliche Musik…. and not your average Post-Britpop.

I Am Kloot
s/t

(Echo, 2003)

Und dann waren da auch noch I Am Kloot. Eine Band, ebenfalls aus Manchester, auch 2001 mit einem Debüt, das da noch mit einer gewissen Neugier gehört wurde und von der launischen Presse gelobt wurde. Produziert worden war Natural History von Elbow’s Guy Garvey (siehe hier vor) und tatsächlich ging auch ihr Label Pleite, und natürlich kam 2003 dennoch das zweite Album – I Am Kloot – das dann von der Presse mit weniger Hype bedacht wurde. Jetzt produzierte mit Ian Broudie ein Wegbereiter des Britpop, der ehemalige Kopf der Lightning Seeds. Einer, der schon alle möglichen namhaften britischen Bands produziert hatte. Und auch hier findet man den Beweis, dass der Diss-Faktor der britischen Musikpresse ein schönes Album ziemlich ungerecht behandeln kann. I Am Kloot (der Namen bezieht sich auf den ’71er Gangster-Film Klute mit Donald Sutherland) wurden von der dämlichen Presse zunächst dem kurzzeitig hippen New Acoustic Movement zugeordnet. Aber „acoustic“ ist beileibe nicht alles bei dieser Band. Dafür gibt es eigenständige, durchaus folkige Britpop-Songs, gesungen von John Bramwell’s recht hoher, etwas weltmüder Stimme mit diesem Nord-Englischen Akzent, der Musik so schön zu erden vermag. Manchmal werden I Am Kloot ziemlich finster. „Cuckoo“ etwa ist regelrecht psychotisch… und ganz bestimmt nicht Belle and Sebastian-sanft-akustisch (no offence…). Die Songs sind abwechslungsreich, bewegen sich im Spannungsfeld „britischer“ Popmusik, das eine bestimmte Typologie hat und offenbar Millionen Möglichkeiten bietet. Da ist höchstens ein wenig Blues, viel Folk, viel von dem, was wir als „Pop“ kennen, mit verschiedenen Gewichtungen. I Am Kloot hatten auch keine hervorstechenden Instrumentalisten, dafür aber zwölf sehr schöne Songs irgendwo zwischen Indie Pop, Folk und Rock. Bramwell’s Stimme nahm vielen Songs die Möglichkeit, schärfere Spitzen zu bekommen, eben weil er immer etwas depressiv klingt. Widersprüche machen I Am Kloot eigenständig. Das Album fließt, stolpert nie, ist abwechslungsreich… und der 68. Platz in den UK-Album Charts war verdient. So ermutigt machten I Am Kloot weiter und veröffentlichten noch ein paar feine Alben.

Elbow
Cast of Thousands

(V2, 2003)

Elbow sind eine der paar Bands, die es geschafft haben, sich aus der Schublade „Britpop“ zu lösen, ehe diese Anfang der 00er zu unattraktiv zu werden schien. Natürlich haben all die britischen Bands in diesem Kapitel sich diesen Stempel nicht erfragt. Er wurde ihnen zu Unrecht aufgedrückt. Bands aus dem UK in dieser Zeit haben mit den Nachwirkungen eines Hypes zu kämpfen, den sie nicht ausgelöst hatten. Elbow kamen aus Manchester, hatten sich elf Jahre lang abgemüht und nach zwei feinen EP’s 2001 endlich mit mit ihrem Debüt Asleep in the Back auf einem großen Label (V2) ein breites Publikum erreicht. Man wird bemerken, dass es Anfang der 00er eine Welle von UK-Bands gab, die melodischen Pop mit Bezügen von den Beatles über Psychedelia, von Prog bis Madchester aufgenommen hatten. Das gab es eigentlich immer – das war das „Erbe“, mit dem britische Musiker aufwuchsen. Aber neben „britischen“ Stilmerkmalen hatten Elbow weitere Pfunde, mit denen sie wuchern konnten. Da ist zum Einen Guy Garvey’s Stimme – Man stelle sich einen proletarischen Peter Gabriel vor, der mühelos jeden Ausdruck abrufen kann. Dann eine Band, die Experimente genauso wenig scheut, wie Radiohead, die aber auch den Pub bedient. Da kommen dann Songs heraus, wie der Cast of Thousands-Opener „Ribcage“. Ein bisschen hymnisch, durchaus mitsingbar, aber auch ganz unauffällig von Störungen durchzogen. Das Album ist voller Songs, die zunächst ach so schlicht scheinen. Aber dann fällt dir dieses Detail auf, dann erscheint jener Melodiefetzen in deinem Gedächtnis, dann denkst du „…wie toll klingt diese Stimme, dieser Song, diese Band…“ Und auch Elbow veränderten sich Radiohead-like im Laufe der Zeit auf langsame, sozusagen „organische“ Art. Und wenn dann ein Song wie das wunderschöne „Fugitive Motel“ gegriffen hat, dann will man Cast of Thousands nochmal höre, Und nochmal und nochmal. Und dann wird man die folgenden Alben auch noch kennen lernen wollen. Ich sag‘ nur Build a Rocket Boys und den Über-Track „Lippy Kids“

Lowgold
Welcome to Winners

(Sanctuary, 2003)

…was vom Britpop übrig blieb… Lowgold waren Mitte der 90er um die Freunde Darren Ford (g voc), Dan Symons (g) und Miles Willey (b) entstanden, hatten einen Vertrag bei Suede-Label Nude bekommen und 2001 mit Just Backward of Square ein schönes Debütalbum gemacht, das aber vom Pleite gehenden Label kaum unterstützt wurde. Brit Pop – egal wie klug und breit gefächert – war nicht mehr hip. Dass Lowgold danach gewaltige Schulden hatten, hielt 2002 Sanctuary nicht davon ab, ihnen dieses zweite Album zu ermöglichen. Nun waren Lowgold Label-Kollegen von Morrissey und Spiritualized, aber auch dieses Label ließ die Band nach der Veröffentlichung von Welcome to Winners auf Sand laufen. Was mich veranlasst, wahlweise die „Industrie“, oder die Hörerschaft für dumm zu erklären, die aktuellen Trends hinterher rennt. Man kann die Musik von Lowgold Post-Britpop oder schlicht (UK) Indie Rock nennen… genau um das geht es hier ja. Wie zeitlos diese Musik im Idealfall ist, kann man hier wunderbar hören. Britische Bands haben oft eine Schlagseite Richtung Beatles. Deren ausgeklügelte Melodik kann man auch hier finden, wenn man sucht. Ich persönlich denke eher an Bands wie Teenage Fanclub, Embrace oder Travis… in ihren besten Tagen. Insbesondere Travis‘ melancholische Schönheit, ihre liebevolle Wärme kommt in den Sinn. Dass Travis in dieser Zeit langsam den Punch verloren und daher ein Album wie Welcome to Winners ignoriert wurde, ist traurig. Dabei hatten Lowgold doch solche Schönheiten wie „We Don’t Have Much Time“ oder „Means to an End“ dabei. Songs, die Travis inzwischen nicht mehr einfielen. Dass Darren Ford eine ebenso freundliche Stimme hat, wie Travis‘ Fran Healy, soll gesagt sein. Und Lowgold’s Songs waren auch noch toll arrangiert. Mit Kraft – aber nur da, wo es nötig war. Der Drum-Sound (…die spielte der Produzent ein) erinnert tatsächlich an US-Underground Acts wie Silkworm, wird dann aber weich in Gitarren und Bass gebettet. Ein so durchdachtes und „schönes“ Album… (Ver)sucht das mal…

The Electric Soft Parade
The American Adventure

(Arista, 2003)

Und auch diese Band kam wohl etwas zu spät, um den Britpop-Hype auszukosten Auch hier gabe es vor dem ersten – 2002 hoch gelobten und auch recht erfolgreichen – ersten Album Holes in the Wall den Zusammenbruch des Labels und dann mit The American Adventure dieses zweite Album, das irgendwie unterging. Zwar gab es hier und da Lob (wie bei Lowgold), aber auch Kritik an einer – verständlichen – Änderung und Erweiterung des Stils. The Electric Soft Parade waren die Brüder Alex und Thomas White, die es sich in der Nische des Britpop eingerichtet hatten, die man auch Psychedelic Pop nennen kann. Die beiden waren zwar noch jung (2003 gerade 19 und 21 Jahre alt) , aber ihr Sinn für sehr britische, sehr gelungene Popmelodien, getaucht in weiträumige psychedelische Sounds und Arrangements, war gut ausgebildet. Für manche Kritiker jener Zeit wohl ZU gut, denn die breiten psychedelischen Bögen von The American Adventure wurden den beiden White’s von etlichen Kritikern vorgeworfen. Und ja – der Titeltrack ist komplex, ausgedehnt, psychedelisch und over the top. Aber man KANN das auch als Qualität sehen, man kann die weichen Harmonien und verträumten Momente in diesen sieben Minuten auch genau richtig finden. Und mit „Lose Yr Frown“ gab es ja auch eine schlichtere, reduziertere Version der Neo-Psychedelia, die 2003 aber von Kritikern als aufgepumpter Britpop gesehen wurde. Meint – zu anderen Zeiten wäre dieses Album womöglich anders gehört worden. Bekommt man doch eigentlich kraftvollen, verträumten Pop, der eindeutig ins UK gehört. Der manchmal überzuquellen scheint (Höre „Chaos“), der dann aber auch eine erstaunliche Wärme und Schönheit vermittelt („Bruxellisation“). Diese Jungs konnten einfach (auch) Pop, taten das voller Leidenschaft und wurden – wie so viele Acts dieser Zeit – für Ideen kritisiert und diskreditiert, die zu anderen Zeiten anerkannt worden wären. Aber wer sich um Moden schert, wird das hier nicht lesen…

Biffy Clyro
The Vertigo of Bliss

(Beggars Banquet, 2003)

Under Construction

The Fall
The Real New Fall LP: Formerly Country on the Click

(Action, 2003)

Under Construction

Wire
Send

(Pinkflag, 2003)

…und hier die andere unangreifbare Band aus der Zeit, als im UK die beste und wichtigste Musik entstand. Wire wurden 1976 gegründet, die Alben-Trilogier Pink Flag (77), Chairs Missing (78) und 154 (79) ist so essenziell wie die Kartoffel… such diese Alben wenn du sie nicht hast!! DAS war Post-Punk.. bevor es Punk gab. Nach ’79 gab es Streit, diverse Solo-Projekte, ein langsames Qualitätsgefälle bei diversen Alben… und ab 1991 zehn Jahre lang Nichts. Die EP’s Read & Burn 01 und 02 im Vorjahr waren eine überraschende Wiederkehr, und 2003 kam mit Send – nicht mehr ganz so überraschend – ein großartiges Album von vier inzwischen über 50-jährigen. Die wussten genau, wie man Musik macht, die eine enorme Spannung mit geringen Mitteln, mit fanatischer Wut, Wucht und Leidenschaft erzeugt. Musik, die dem Alter der Beteiligten spottet. Send IST natürlich „Indierock“ made in England. Allerdings hatten Edvard Lewis (voc, b), Colin Newman (voc, g), Bruce Gilbert (g) und Robert Grey aka Gotobed (dr) nie „Indierock“ gemacht. Das gab es seinerzeit noch nicht. Schon weil diese Noise-Terroristen 1977-79 bei einem sog. Major gewesen waren… was für gesegnete Zeiten. Seit 2000 gab es das Label Pinkflag und Wire machten, was sie wollten. Send ist ein Schlag nach dem anderen in die Fresse. Man könnte von Industrial sprechen – hör dir nur „Nice Streets Above“ an – aber bei Wire werden teutonische Beats mit hartem Post-Grunge und wütendem Punk gemixt, so dass keine Minute Entspannung entsteht. Gegen Wire klingen Mark E. Smith’s The Fall wie Soft Rocker. Damit wird Send im Laufe seiner 40 Minuten tatsächlich anstrengend und das Vinyl-Format ist hier wahrhaft erholsamer (Platte umdrehen… oder eben nicht…), aber gerade die ersten vier Tracks in knapp zwölf Minuten sind die Komplett-Bedienung mit dem reduziertesten Lärm, den ich (auch wieder…) nicht wirklich vergleichen kann. Na gut. Stellt euch die deutschen EBM-Pioniere DAF mit harten Gitarren und böseren Stimmen vor. Oder hört einfach die Überfälle „In the Art of Shopping“ und „Marx’s Table“ an. So was war nötig, um den jungen Leuten mal zu zeigen, wie extrem ihre Musik sein kann…

Mew
Frengers

(Epic, 2003)

…und jetzt mal woanders hin. Mew ist eine dänische Band, deren Musik mit ihrer hymnischen, poppigen Progressivität einen bisher leeren Platz zwischen diversen Stühlen einnimmt. Auf Frengers fällt zunächst der Sopran von Sänger Jonas Bjerre auf, der sich NICHT wie Radiohead’s Thom Yorke anhört. Dann sind da äußerst komplexe Rhythmussprünge, die vom Drummer Silas Utke Graae Jørgensen und Bassisten Johan Wohlert mit beeindruckender Leichtigkeit gemeistert werden – während Gitarrist Bo Madsen die Melodien mit klugen Gitarren voranträgt. Frengers wurde als Debütalbum wahrgenommen, besteht aber aus vier neuen und sechs alten Tracks von vorher in geringer Stückzahl nur in Dänemark veröffentlichten Alben. Die Band war aus einem Kunstprojekt in der siebten Klasse in Hellerup entstanden, die Vier nannten zwar die durchaus üblichen Vorbilder – Dinosaur Jr, Prince, My Bloody Valentine – aber Mew klangen sehr schnell extrem eigenständig. Und sie sind wegen ihrer ungewöhnlichen Musik in diesem Kapitel ganz richtig platziert. Wären Songs wie der Opener „Am I Why? No“ nicht so hochkomplex, dann wären sie kitschig in ihrer majestätischen Melodik. Man könnte sich mühelos über Frengers lustig machen… da ist das Weihnachtslied „She Came Home for Christmas“, das dermaßen SCHÖN und (be)rührend ist, dass man danach kaum noch Weihnachtslieder hören kann. Aber auch der Song hat zugleich eine so ausgefeilte Art-Pop Melodie und dazu eine langsam ansteigende Wucht, dass man schon sehr gefühllos sein muss, um nicht ergriffen zu werden. Mew machen etliche musikalische Wendungen, die eine ganze Zeit lang verpönt waren. Sie sind ein wenig kitschig, ein bisschen ZU emotional, aber ihre Musik ist so klug und geht so ungewöhnliche melodische Wege, dass aller Kitsch notwendig erscheint. Und dass die letzten Drei Tracks von Frengers eine Steigerung sind, die dann mit dem (klar!!) acht-minütigen „Comforting Sounds“ ganz oben endet, zeigt, welches Potential diese Band hatte.. Mew sind der Beweis, dass es progressiven Indiepop geben kann, der weit in alle Bereiche hineinragt. Frengers ist eines der „schönsten“ Alben aus Europa in 2003.

Shout Out Louds
Howl Howl Gaff Gaff

(Mercury, 2003)

Nochmal Skandinavien: Die Shout Out Louds waren in Schweden um das Trio Adam Olenius (voc, g), Ted Malmros (b) und Carl von Arbin (g) entstanden. Der übliche Ablauf: Mit Eric Edman (dr) und Bebban Stenborg (key) noch zwei Mitglieder, eine Namensänderung, Singles und eine EP, die Erfolg in Schweden hatte, eine Einladung in die USA und 2025 die weltweite Veröffentlichung von Howl Howl Gaff Gaff. Dann eine Tour und Auftritte im Fernsehen und Charts-Erfolge… Die Musik der Band war klar von britischen Vorbildern beeinflusst., Olenius‘ Stimme erinnert ein wenig an die von The Cure’s Robert Smith, der Indie Pop der Band hat die weltmüde Melodik der großen Vorbilder, aber da ist zugleich eine schön eigenständige Fröhlichkeit. Man will zu Songs wie „Very Loud“ und „Please, Please, Please“ durch die Bude hüpfen. Der Bass ist massiv, es gibt immer wieder kuriose Sounds vom Keyboarder, die fast ZU witzig sind. Aber es passt gerade noch… „Go Sadness“ ist sparsam und zurückgenommen, aber zugleich spannend mit akustischer Gitarre, Rückkopplungen und piependen Keyboards. Howl Howl Gaff Gaff ist Power Pop in schlau. Dass es in Schweden und Dänemark immer wieder Bands gab, die ein sehr melodisches Songwriting drauf haben, weiss man ja spätestens seit ABBA. Es mag daran liegen, dass diese Musiker mit skandinavischer Volksmusik aufgewachsen sind. Die hat ein paar Wendungen und Harmonien, die man in Rest-Europa überraschend findet. So ist „100°“ auch wieder schneller, süßer Pop mit komischem Keyboard und unwiderstehlichem Beat. Beim darauf folgenden „There’s Nothing“ wird die The Cure-Verehrung deutlicher, aber das ist ok!! Der Song ist schlicht schön, The Cure hätten das nicht so gemacht, nur so ähnlich Eine gewisse majestätische Getragenheit, dröhnende Gitarren, spinnerte Keyboard-Sounds, Olenius‘ klagende Stimme mit schwedischem Akzent. Wer das blöd findet, ist gemein – und verpasst was. Ganz einfach: Howl Howl Gaff Gaff hat zu viele gute Songs, als daß man es ignorieren könnte. Und die Shout Out Louds waren letztlich zu eigenständig, um sie für ihre Vorbilder zu strafen. Für dieses und das nachfolgende Album boten sie eine perfekte Version des schwedischen Indie Pop.

Blumfeld
Jenseits von Jedem

(Zickzack, 2003)

Deutscher Indie Rock. Da war natürlich auch was. In den 90ern war es die „Hamburger Schule“ mit Bands wie Tocotronic, Die Sterne, Kante, Dier Regierung oder eben… Blumfeld, die eine neue eigene Art der deutschen Rockmusik nach Kraut und NDW etabliert hatten… zumindest in Deutschland. Die Sprache war bei den genannten Bands, bei vielen Bands aus Deutschland immer ein immens wichtiger Faktor, ein Charakteristikum, welches diese Bands quasi auf den deutschsprachigen Markt beschränkte – was von diesen Bands als Selbstverständlichkeit hingenommen wurde… Die Krautrocker der 70er hatten sich noch meist an der US- und UK-Rockmusik orientiert, soweit es um Lyrics und Gesang ging. Aber schon die Bands der Neuen Deutschen Welle bogen musikalisch und sprachlich auf eigene Wege ab. Und Blumfeld – in diesem Kapitel Beispiel No.1 für Indierock aus Deutschland – hatten mit Jochen Distelmeyer einen wirklich geschickten Lyriker. Einen, dessen Lyrics mit ihrer intellektuellen Gefühligkeit sicher polarisierten, die man aber auch schön und bildgewaltig hören kann. Und Blumfeld hatten inzwischen – auf ihrem nun fünften Album Jenseits von Jedem – auch musikalisch eine Sprache etabliert, die tatsächlich irgendwie deutschen Schlager mit Indie Rock verband. Nicht dass diese Band die Wucht verloren hätte, die Alben wie Ich-Maschine (’92) so viel Spannung verliehen hatte. Aber diese Wucht wurde inzwischen oft von Melodien verdeckt, schien nur noch ab und zu hindurch. Und wenn bei „In der Wirklichkeit“ ein cheesy Saxophon ertönt, dann ist das ok, weil es von der Meta-Ebene kommt, auf der Blumfeld sich seit ein paar Jahren gemütlich eingerichtet hatten. Immerhin klingt „Alles macht weiter“ dann wieder ganz erholsam nach astreinem Indierock mit deutschen Texten. Bei weiterem Zuhören wird man auch die Texte von Distelmeyer und seinen Gesang, seine Intonation und seine nicht besonders virtuose, aber sehr charaktervolle Stimme schätzen. Dass diese Band und ihr Texter (genauso wichtig…) den Mut zu seichten Synthie-Flächen mit sehr feinem Songwriting und klugen Inhalten verband, macht Jenseits von Jedem zum nächsten tollen Album dieser Band. „Neuer Morgen“ etwa verbindet ihre scheinbar unpassenden ästhetischen Ideen sehr schön. Und einige Male machten sie auch auf diesem Album einfach alles komplett richtig. Songs wie der 14-minütige Titeltrack mit einem Text, der das Zuhören lohnt oder „Wir sind frei“ oder „Armer Irrer“ sind deutsche Indie-Rockmusik, die in allen Facetten leuchtet. Ob bzw. Dass das in nicht-deutschsprachigen Ländern wohl kaum verstanden wird, ist mir in diesem Kapitel egal.

Tomte
Hinter all diesen Fenstern

(Grand Hotel Van Cleef, 2003)

Under Construction