1989 – Mudhoney bis Pussy Galore – Gimme Indie Rock Teil 2 – Grunge, Noise und Pigfuck im Indie Wonderland

Zunächst ein Hinweis zu diesem Teil 2 der Gimme Indie Rock-Reihe für ’89: Lies dazu das tolle Buch Gimme Indie Rock von Andrew Earles in dem 500 Alben der hier vorgestellten Art im großen Rahmen beschrieben werden. Und lies natürlich Teil 1 über (Gimme) Indie Rock des Jahres 1989.

Dies ist die Zeit, in der sich Indie Rock auch ausserhalb des Undergroung durchsetzt, in der manche Band auf dem Sprung zu Major-Labels ist. Man wird sehen, wie viele und welche der hier beschriebenen Bands bald bei größeren Labels landen – und zu Household Names der Rockmusik der 90er werden. Und all das nur, weil EINE kleine Band aus Seattle einen weltweiten Hit landet. EINE kleine Band, die 1989 eines der großen Alben des Jahres (zunächst relativ unbemerkt) veröffentlicht. Noch auf einem kleinen Label aus Seattle… Danach kommt der Vertrag bei Geffen und danach glauben alle A&R Manager die nächsten Nirvana zu hören, wenn ein paar junge Typen in karierten Hemden ihre Gitarren etwas lässiger halten können. Interessant, zu sehen, was sich für eine Menge Geld mit den unten beschriebenen Bands machen ließ – der eben NICHT, obwohl die Klasse vorhanden war. 1989 ist die Zeit VOR Nirvana, die Zeit, als Indie noch tatsächlich „independent“ heisst. Die Zeit, in der zum Beispiel eine bestimmte Sparte oder Ausprägung des noisigen Indie Rock den lustigen Begriff „Pigfuck“ verpasst bekommt. Ich nutze dieses Kapitel, um ein paar ’89er Alben mit Schweinefick zu beschreiben. Eine Art von Noise Rock, für den Dissonanzen und hartes Gitarren Feedback typisch ist. Der dreckige Bass-Grooves, eine morbide Atmosphäre und surreal/vulgäre Lyrics hat. Da wird gerne Hardcore und Punk mit Blues-Elementen gepaart – die Gewichtung ist variabel – und natürlich ist Pigfuck keine „Reine Lehre“. Viele Bands mögen diese Elemente in ihrem Sound haben, aber rohe Aggression und Feedback allein machen noch keinen Pigfuck. Es gehören noch ein paar andere Faktoren dazu. Den Begriff hatte der Kritiker-Papst Robert Christgau für die Musik von Sonic Youth verwendet – die lehnten das übrigens ab – aber bald wurde das Wort für andere Bands mit den oben beschriebenen Sounds/Eigenschaften verwendet. Namentlich Jesus Lizard und die Butthole Surfers haben diesen Begriff aufgeprägt bekommen. Auch manche Bands aus dem Umfeld der Seattle-Scene – die bald mit dem Begriff „Grunge“ beklebt wurden – hatten einen ähnlichen Sound. Letztlich ist Pigfuck nur eine Facette des Indie Rock der End-80er. Als Begriff ein etwas übel riechender Scherz. Wer Indie Rock liebt, der ein bisschen gemeiner und dissonanter klingt, der scheint Schweinen beim Geschlechtsverkehr zuzuhören. Auch gut…

Nirvana – Bleach
(Sub Pop, 1989)

…so fing es an: Nirvana’s Debüt ist schon „relativ“ erfolgreich, ist das, was ich hier beschreiben will: Hardcore mit viel Noise, aber auch mit süßem Pop. Noch nicht ganz so durchdacht produziert. Immerhin wird das Major-Label Geffen aufmerksam und holt Nirvana in seinen Stall. Der Rest ist Geschichte… Siehe Hauptartikel

NoMeansNo – Wrong
(Alternative Tentacles, 1989)

…und hier EIN Beispiel für den intelligenten Hardcore, der sich in den letzten Jahren aus Punk entwickelt hat. Der in den kommenden Jahren auch weiter existiert und auch ein bisschen an Popularität gewinnt… aber trotzdem immer Underground bleiben wird. Wrong ist ein Meisterwerk. Lies dazu den Hauptartikel 1989…

Live Skull – Positraction
(Caroline, 1989)

…dieses Album als Hinweis auf Kapitel 1 – Indie Wonderland ’89. Live Skull sind Teil des NY-Noise-Kosmos – und manche nennen ihren Noise auch Pigfuck. Womit bewiesen ist, WIE schlicht und eigentlich dumm der Gedanke hinter diesen Genre-Bezeichnungen ist. Aber mir nutzt es hier für eine Schublade, die offenstehen bleiben wird. Und Live Skull’s Noise Rock ist enorm, zumal hier mit Thalia Zedek eine Frau mit „Blues-Röhre“ singt…

Mudhoney
s/t

(Sub Pop, 1989)

…und hier haben wir als Erstes eine der Bands, die bald im Zuge des 90er Nirvana/Seattle Hypes nach oben gespült wurde… obwohl Mudhoney eigentlich recht un-kommerziell – und verkaufstechnisch auch nur mittel-erfolgreich – blieben. Dennoch warf man der Band um den Gitarristen und Sänger Mark Arm spätestes Mitte der 90er „Kommerzialisierung“ vor. Natürlich zu Unrecht. Dass und wie Mudhoney sich weiterentwickelten, war logisch, dass ihr Studio-Budget größer wurde ebenso – und Mudhoney hatten den „Stil“ Grunge tatsächlich begründet. Sie waren aus der Proto-Grunge Band Green River hervorgegangen, Arm hatte sich mit seinem Green River Kollegen Steve Turner und dem Ex-Melvins (siehe unten) Bassisten Matt Lukin zusammengetan und in Dan Peter seinen Drummer aus der Seattle-Scene gefunden. Ihre erste EP Superfuzz Bigmuff setzte Standards, ist ein Klassiker und war Basis für die glaubhafte Version des irgendwann von Anderen in Kaufhaus-Malls verlegten Stils. Nun – ’89 war von all dem noch Nichts zu spüren. Mudhoney ist ein fuzz-getränktes Vergnügen. Man hört der Band den Spaß und die Wucht an, ihre Liebe zu dreckiger 70er Jahre Rockmusik, die durch eine Hardcore und Punk-Brille gefiltert ist. Dies war die Rockmusik, die junge Typen in den USA sozialisiert hatte. Da waren Black Sabbath, Blue Cheer, die Stooges und MC5-Platten in den Schränken zuhause. Mudhoney hatten keinen Kurt Cobain in ihren Reihen, niemanden, der Hardcore mit der Pop-Sensibilität der Beatles zu verbinden wusste. Dafür ließen Arm und Turner die Gitarren etwas wilder heulen. Man muss diesen Fuzz bei „You Got It“ oder dem Opener „This Gift“ hören. Und Mark Arm’s Gekrächze hat tatsächlich Stil! Der konnte nicht Iggy Pop imitieren – und er versuchte das auch gar nicht erst. Das Instrumental „Magnolia Caboose Babyshit“ ist ein Cover eines Blue Cheer-Tracks, bei „Come To Mind“ hört man den dreckigen Glam von Green River. Mudhoney ist ein Album das – mehr als Bleach – typisch „Grunge“ ist. Auf die gute Art wohlgemerkt. Und Grunge IST altmodische Rockmusik mit einem größeren Schmutz-Anteil. Genau das bekommt man hier.

Soundgarden
Louder Than Love

(A&M, 1989)

Soundgarden wiederum sind eine der Bands, die in den 90ern GANZ groß wurde. Deren Credibility bis zum letzten Album 1996 nie in Frage stand. Dass sie 2012 noch ein ziemlich schlechtes Album machten, will ich dabei mal vergessen. Und Soundgarden sind auf ihrem zweiten Album Louder Than Love tatsächlich auch noch etwas kredibler – weil unschuldiger. Denn sie standen noch vor dem Weggang ihres Bassisten Hiro Yamamoto, der bei den Aufnahmen offenbar noch den Teil Psychedelik hinzufügte, den er dann ’95 mit den tollen und sträflich obskur gebliebenen Truly in deren Fast Stories From Kid Coma fließen ließ. So ist Louder Than Love noch nicht so viel Rrrock!! wie die zugegebenermaßen tollen Alben Badmotorfinger und Superunknown, die Soundgarden in das Quartett der großen Grunge Acts neben Nirvana, Pearl Jam und Alice in Chains katapultierten. Hier klingen sie noch nach Noise Rock, nach Punk und eben Psychedelik. Dass Soundgarden dank ihres Sängers Chris Cornell auch immer an Led Zeppelin erinnerten, prägte freilich ebenfalls ihren Charakter… und dieser Sound war glaubwürdig aus dem Fandom der Musiker gewachsen. Cornell HATTE nun einmal diese Stimme, konnte kreischen und schreien und wusste dabei was er tat. Das Zusammenspiel der Vier war magisch – Kim Thayil’s Gitarre ließ die Luft gefrieren und zerschnitt Berge, Yamamoto und Matt Cameron donnerten dazu und… bitte hört die Majetsät eines Songs wie „Loud Love“. Das mag man pathetisch finden, das ist aber auch ernst gemeint und hat Stil. Das entstammt einer Sozialisierung mit klassischer psychedelischer Rockmusik – und der Kenntnis um Noise und Punk. Da hört man bei „Gun“ und „I Awake“ Black Sabbath via Melvins-Style. Und mit Songs wie „I Awake“ und „Hands All Over“ erfand Kim Thayil klassische Riffs, zu denen Cornell’s Robert Plant-Voice einfach perfekt passte. Louder Than Love ist „Alte“ Rockmusik, durch Hardcore und Punk gefiltert. Das würden Soundgarden mit den beiden folgenden Alben „klassischer“ ausführen. Aber hier liebe ich den kontrollierten Noise.

Bullet LaVolta
Gift

(Taang!, 1989)

Diese Band aus Boston blieb irgendwie unterhalb des Radars von Grunge und Seattle… wobei ich darauf hinweisen will, dass aus der Szene ihrer Stadt die Pixies, Dinosaur Jr. oder auch Mission of Burma kamen. Also? 1989 waren Bullet Lavolta schon irgendwie Grunge. Weil auch sie klassische Rockmusik mit dem Punk und Hardcore ihrer Zeit und Szene paarten. Ihre Vorbilder waren allerdings nicht Black Sabbath oder Blue Cheer, sie orientierten sich eher an Thin Lizzy, an Van Halen, AC/DC und sogar Boston (sic!). Was Einflüsse angeht, waren die Bands dieser Tage frei von Scham. Wieso auch nicht? Das war die Musik, mit der diese Leute aufgewachsen waren. Und sie hatten natürlich die coolen Bands ihrer Gegend, die sie vermutlich oft genug live gesehen hatten. The Gift ist das etwas bessere/härtere von zwei Alben dieser Band um den Gitarristen Clay Traver und den Sänger Yukki Gipe aka Kurt Davis. Es ist unklar, warum gerade diese eine Band nicht den Sprung ins Rampenlicht schaffte. The Gift ist eine gut gemachte Synthese aus dem Punk Snarl Gipe’s, den Hardcore Gitarren von Traver und Songs die sehr energetisch Punk mit Hardrock und Melodie paarten. Man kann sich bei Songs wie „Dead Wrong“ vorstellen, dass Bullet Lavolta live eine Macht waren. Es passt, dass sie ’89 mit Soundgarden auf Tour waren, sie zeigen eine gute Variante dieser Art von Musik – wie auch immer man die nennen will. Jedenfalls schienen sie in dieser Zeit auf dem Sprung zum Erfolg zu sein – die Presse war jedenfalls angetan. Und ihre Paarung von Hardrock und Punk IST ja auch glaubwürdig. Aber sie machten mit ihrer Verneigung auch einen Fehler. Der Opener „X Fire“ heisst nicht nur wie ein Song von bald abgehalfterten Bands wie Dokken – er ist auch so produziert. Immer ein bisschen zuviel. Der Dreck wird übermalt. Wäre nicht nötig, denn etliche Songs sind gut. Ein paar uncoole Ideen und als nächstes der Vertrag bei Sub Pop (!) und ein Album, das sich an Bands wie Jane’s Addiction anlehnte… so blieben sie in der zweiten Reihe. Schade.

Melvins
Ozma

(Boner, 1989)

Mudhoney’s Matt Lukin war bis ins Vorjahr Bassist bei den Melvins gewesen. Nun hatte ihn dort Shirley Temple’s Tochter Lori Black ersetzt. Die Melvins wiederum sind eine der langlebigsten und glaubwürdigsten Bands der Seattle-Scene – unter anderem weil sie irgendwie nie in diese Szene passten. Weil ihr Noise letztlich allen Moden gegenüber resistent blieb. Die Band um den Gitarristen/Sänger Buzz Osborne und den Drummer Dale Crover hatte schon auf ihrem Debüt Gluey Porch Treatments härter, dreckiger, extremer geklungen, als alle anderen Bands rund um Washington. Sie waren lauter, schwerer und langsamer. Und wenn sie doch Tempo zulegten, dann klangen sie nach Lawine. Dale Crover erwies sich als einer der einfallsreichsten Drummer seiner Zunft. Mit immer neuen Ideen, immer kraftvoll, nie einfach nur den Rhythmus bedienend. Und schön nach vorne gemixt. Ja – man sagt Ozma nach, schlecht produziert zu sein… ich glaube, dass der Bass von Lori so kalt und wenig bass-lastig klingt, war Absicht. Die Melvins kümmerten sich nie um den Geschmack und die bequemen Hörgewohnheiten von „Fans“. Dazu war Buzz Osborne zu sehr Soziopath. Man muss sich mal sein absurd-surrealen Texte anhören. Satzfetzen, die nach Psycho klingen. Dazu kam die Black Sabbath und Kiss-Verehrung der Band, denen sie hier mit dem kurzen Instrumental „Love Thing“ Tribut zollten. Dass die meisten Songs auf Ozma unter der Zwei-Minuten Marke bleiben, ist wohltuend, dass dabei die suffocating Atmosphäre bestehen bleibt, weil der Sound (…drei Musiker eben…) durchgehend von psychedelischen Gitarren und komplex krachenden Drums geprägt ist, ist eine Qualität, mit der man allerdings erst mal klar kommen muss. Anspieltips sind nicht einfach zu nennen: Aber ich empfehle „Creepy Smell“ mit den Textzeilen „I know you write me sexy letters/ And you send your pictures for my wall…“ und die breit ausgewalzten sechs Minuten von „Revulsion/We Reach“. Da deuten sie den Drone Metal an, den sie beim 1991er Meisterwerk Bullhead mit dem Song „Boris“ ausformulierten. Ich könnte noch mindestens 10 weitere Alben dieser Band empfehlen…

Tad
God’s Balls

(Sub Pop, 1989)

Tad wiederum sind Legenden des… Grunge? Eher des „Pigfuck“ (siehe Überschrift). Tad Doyle – Namensgeber und Haupt-Songwriter der Band – war mit seinen Jungs einer der ersten Acts auf Sub Pop, war mit Kurt Cobain eng befreundet und förderte den sieben Jahre Jüngeren, wo er nur konnte. 1989 etwa gingen Nirvana und Tad gemeinsam auf eine legendäre, aufreibende Europa-Tour um u.a. auch God’s Balls zu supporten. Dass Doyle kein Interesse daran hatte, sich den Empfindlichkeiten der heuchlerischen US-Gesellschaft zu unterwerfen, sieht man nicht nur am Titel des Album’s. auch auf dem Cover sieht Doyle ja nicht gerade wie der christlicher Stepmom-Darling aus. Und wenn man dann noch hört, was auf God’s Balls geboten wird!! Start-Stop Rhythmen, harte Gitarren, heulendes Feedback, Rhythmen wie Dampframmen und heiseres Gröhlen, das Lyrics transportiert, die die düstersten Seiten der menschlichen Psyche beleuchten. Siehe „Nipple Belt“: „My name’s Ed Gein/ And I’m cleaning Mary Hogan/ Gotta have her in my home/ To make a waste paper basket/ I love to make those masks/ Out of human skin…“ (Ed Gein war ein berüchtigter Serienmörder in den USA). Aber wäre das bloße Schocktaktik, dann würde ich dieses Album nicht erwähnen. Tad hatten einen beeindruckenden Sound, Kurt Cobain holte sich Jack Endino danach für Bleach als Produzenten. Und vor Allem – die Songs auf God’s Balls sind neben/unter all dem Noise auch noch wirklich gut. Noch hatte Doyle nicht die perfekte Mischung aus Ohrwurm und Noise, aber er war schon nah dran. Tad hatten sicher Black Sabbath gehört, aber die waren näher an (befreundeten) New Yorker Noiseniks wie White Zombie, Live Skull oder Swans dran. Mit gesunder Metal Härte und kalkulierter Geschmacklosigkeit. God’s Balls IST archetypischer Pigfuck im Sinne dieses Wortes. Lass dich vom Opener „Behemoth“ überzeugen, wenn du wissen willst, was ich meine. Und das Nachfolge-Album 8-Way Santa würde in seiner bewussten Anti-Kommerz Haltung alles vorher beschriebene noch auf die Spitze treiben.

Bastards
Monticello

(Glitterhouse, 1989)

Under Construction

Butthole Surfers
Double Life

(Latino Bugger Veil, 1989)

Band-Live-Tänzerin Kathleen Lynch in Verkleidung

Die Texaner Butthole Surfers waren eine der frühen experimentelle Noise Bands, die – unter anderem! – mit sehr absurdem Humor eine der extremsten Alternativen zum Mainstream erschaffen hatten, die sich aber inzwischen langsam in die Ohren einer neuen Generation von Hörern eingerichtet hatten. Ihre letzten Alben – und insbesondere ihre krassen Live-Shows mit Gewalt-Videos, Stroboskop Lightshow und Prügeleien zwischen den unter Drogen stehenden Bandmitgliedern hatten in der Indie-Community Begeisterung und breite Anerkennung gefunden… So verließen die Arschloch-Surfer kurz vor der Indie-Explosion ihr bisheriges Label Touch and Go Richtung größerer Indie aka Rough Trade. Zuvor hatten sie hatte noch das Label Latino Bugger Veil für eigene Projekte gegründet und veröffentlichten ’89 – sozusagen als Vermächtnis der Indie-Tage – das auf der Tour ’87 und ’88 aufgenommene Album Double Live. Natürlich mit dem ansprechend schockierenden Covershoot ihrer Bühnen-Tänzerin Kathleen Lynch, und mit dem Noise, der diese Band so auszeichnete. Double Live ist mit zwei Stunden Spieldauer zweifellos zu lang, zumal der Optik-Faktor fehlt. Man mag anerkennen, dass man auf der CD dann die instrumentalen Leistungen besser erkennt (…das waren schon gute Musiker). Und Gibby Haynes psychotisches Gejammer, sein Geschrei – oft durch ein Megaphon gebrüllt – war live deutlich noch bekloppter, als auf den Studioalben. Dass sie zum Einen einige ordentliche Songs hatten, aber auch „Comedy“, absurde Noise-Collagen oder Spoken Word Tracks zu ihren Live-Events gehörten, ist hier ausdauernd dokumentiert. Und die Arschloch-Surfer waren Live anders, als im Studio. Der Sound der Band bei dieser Tour war festgefügt: Blubbernder Bass von Jeff Pinkus, Surf-Gitarren von Paul Leary, die alles ins Psychedelische schoben und mit King Coffey und Teresa Nervosa zwei Drummer. Das war eine virtuose Band. Und Gilbert „Gibby’s“ Gesang habe ich zur genüge beschrieben. Double Live ist ein tolles Dokument einer Band, die Pigfuck-Avantgarde erfunden hat!! Hört ihre ersten drei Alben und vergesst, was nach 1993 kam.

Steel Pole Bath Tub
Butterfly Love

(Boner, 1989)

Und die nächste halbe Legende: Steel Pole Bath Tub hatten in ihrer Zeit zwischen 1986 und (tatsächlich!) 2002 einen Lauf. Eine Reihe von fünf Alben und einigen EP’s, die diejenigen, die sich in Noise Rock und Post Hardcore bewegten durchweg toll finden konnten. Sie entstanden – wie so viele hervorragende Noise Acts – in Bozeman, Montana, einer dieser mittelgroßen Städte im Mittelwesten. Dort waren Mike Morasky (g/voc/sampler) und Dale Flattum (b/voc) eher Ausserirdische, also gingen sie ’88 nach Seattle, fanden dort noch den Drummer Darren Moray und zogen dann an die Westküste nach San Francisco, wo ihr Label Boner beheimatet war. Ihre chaotischen Live-Sets wurden Legende – sie nutzten Samples aus Film und Fernsehen, hatten aber auch eine Art, ihre schweren, harten Songs herauszubrüllen, die ihresgleichen suchte. Ich habe mal den Vergleich „Like if Sonic Youth grew up in the suburbs“ gelesen. Es sind aber auch eindeutig Einflüsse von Big Black und … natürlich… Black Sabbath hörbar. Hauptsache aber ist, dass Steel Pole Bath Tub ihren eigenen Sound schufen. Butterfly Love ist schwer, kraftvoll, durch die immer wieder auftauchenden Samples ein bisschen experimentell. Dass sich der Sänger mitunter anhört, wie ein Teenie, der gerade Punk entdeckt hat, ist tatsächlich sympathisch. Zumal die sludgy Heavyness von Songs wie „Heaven on Dirt“ jede Albernheit untergraben. Die Wucht, mit der die Band dann in den Closer „Tear It Apart“ stürmen, ist völlig glaubwürdig. Auch Butterfly Love ist keine leichte Kost. Steel Pole Bath Tub bemühten sich nie darum, irgendwelchen Ohren zu schmeicheln. Diese Jungs mögen alte Rockmusik geliebt haben – aber US-Hardcore Punk dieser Art – Pigfuck eben – war keine Musik für gedankenlose Konsumenten. Die meinten das ernst, hatten sicher auch einen kruden Humor, aber keine Lust auf Kompromisse. Und die gingen sie auch bis ins kommende Jahrtausend nicht ein. Eine wirklich ehrenwerte Band

Cows
Daddy Has a Tail

(Alternative Tentacles, 1989)

Wo Noise Rock eine komische Komponente enthält (was bei einem Album titels Daddy Has a Tail zweifellos der Fall ist), dann dürfte auch diese Komik ziemlich abgefuckt sein. Und damit sind wir bei den Cows. Auch die vier Musiker aus Minneapolis (Kollegen der Bastards also…) hatten natürlich Big Black und Dinosaur Jr. Und Sonic Youth gehört und gesehen. Und ich vermute, auch die Butthole Surfers (siehe hier…) waren mindestens Geistesverwandte. Und natürlich hatten auch die vier schon eine (kurze) Geschichte hinter sich. 1986 waren Kevin Rutmanis (b) und Thor Eisentrager (g) zusammen gekommen, hatten diesen und jenen Kollegen kommen und gehen sehen und waren nun mit Toni Oliveri (dr) und Shannon Selberg (voc, Horn) eine Einheit, die nach dem nicht ganz so tollen Debüt Taint Pluribus Taint Unum nun mit Daddy Has a Tail ihren Einstand beim Pigfuck-Referenz Label Amphetamine Reptile gaben. Dass dieses Album in vier Stunden neu remixed werden musste, weil es zunächst in mieser Qualität als Video Tape (?) aufgenommen worden war, ist so untypisch wie hörbar. Aber die Wucht und der surreale Humor der Band und der Songs machen das zu einer wahrhaft verzeihlichen Petitesse. Irgendjemand äußerte mal den ganz verständlichen Verdacht, dass er annehme, dass diese Band ihre Instrumente gut beherrsche (…hört man!!), aber dass sie sich leider weigerten, diese zu stimmen (so klingt es manchmal…). Andererseits… wie sollte ein wunderbarer Sound-Mahlstrom wie „Chow“ denn sonst hergestellt werden? Diese Band wusste, wie man CHAOS erzeugte. Und sie hatten zugleich immer irgendwo ein ordnendes Element in den Songs. Oft den rhythmischen Shout-Gesang von Selberg. Dazu goß Gitarrist Eisentrager Stahlträger aus Gitarrenchords, die den Rest der Song-Gebäude knapp nicht zusammenstürzen ließ. Man muss Songs, wie das FAST hitverdächtige „Camouflage Monkey“ hören, um die Einmaligkeit (auch) dieser Band zu erkennen. Cows sind Vorläufer des Sludge, der in den 00ern den Metal eroberte, aber sie hatten dazu so viel freies Chaos, wie sonst keine Band in diesem Kapitel. Und auch ich bin davon überzeugt, dass die genau wussten, wie ihre „Songs“ gebaut sein sollten. Die Freeform-Passagen bei „I Miss Her Beer“ sind nur im ersten Eindruck unkontrolliert. Dass sie schlau und virtuos waren, würden sie in den folgenden Jahren mit Alben wie Cunning Stunts (’92) beweisen. In der Indie-Community ernteten sie auch wegen ihrer durchgeknallten Konzerte Respekt und Anerkennung. Dass man mit solcher Musik keinen kommerziellen Durchbruch erlangen würde, war ihnen gewiss auch klar… aber das gilt für alle Bands denen man den Stibegriff „Pigfuck“ einbrennt. Cows gehören (wie Tad, Killdozer, Steel Pole Bath Tub oder Bastards) zu den wirklich glaubwürdigen Bands, die sich scheinbar nicht um den kommerziellen Erfolg geschert haben. Nicht dass ich das verwerflich fände, aber hier hört man musikalische Überzeugungstäter.

Helios Creed
Superior Catholic Finger

(Subterranean, 1989)

Gewisse Ähnlichkeiten kann man erkennen, wenn man sich die hier beschriebenen Alben in ihrer vorgestellten Reihenfolge anhört. Aber da sind auch gehörige Unterschiede… Die Unterschiede in diesem Haufen intelligenter, im Hardcore Punk verwurzelter Musik der 90er sind der Spaß-Faktor an den Alben dieser Zeit und Art. Nehmen wir z.B. den Outsider Barry Johnson aka Helios Creed: Meister an der Fuzz-Gitarre, bis 1982 Psycho-Hirn bei den Pre-Industrial Monstern Chrome, bald beim wunderbaren Amphetamine Reptile Label unter Vertrag. Mit einer extrem eigenständigen Mixtur aus Space Rock, Psychedelia, Noise und Industrial… aka Pigfuck, wenn man den Begriff verwenden will. Damit hatte er schon ’85 begonnen, seine X-Rated Fairy Tales waren noch nicht so im Hardcore verwurzelt, das klang noch nach den Vorbildern Hawkwind – aber auch da war seine abgedrehte Space-Fuzz-Orgien Gitarre präsent. Vier Jahre später ging es richtig los mit Helios Creed. Nun war das Rezept ausformuliert und Johnson ließ gleich zwei Alben auf die (wenigen) Hörer los. Super Catholic Finger legt mit „Monster Lust“ los, einem Track, der klingt, als wären Black Sabbath komplett auf LSD. Diese Bohrmaschinen-Gitarren von „Too Bad“ begraben das schwächliche Geschimpfe von Johnson unter ihrem Fuzz, Bass und Schlagzeug von Mark Duran und Tod Preuss marschieren Richtung Industrial… Man hört, dass Helios Creed diese Sounds bei Chrome mit-entwickelt hatte und Industrial mit äußerst eigenwilligen Gitarren-Klängen zu verbinden wusste. Der Mann gehört zu den vergessenen Virtuosen an den sechs Saiten. Vielleicht war er nicht der größte „Frickler“, aber die Sounds und Effekte, die er erzeugte, sind im Sinne des Wortes unerhört. Super Catholic Finger hat mit knapp 31 Minuten wohltuende Hardcore-Kürze, ist aber schwere Kost für den, der so was nicht kennt. Zugleich aber merkt man, dass seit dem ersten Helios Creed Album vier Jahre vergangen waren – Johnson hatte „Song-Ideen“ genug, übergoss die aber stilecht mit geschmolzenem Stahl. Der Closer „Weekend“ etwa ist ein unheimlicher, rasender Flug ins All – mit Maschinen, die den Körper auffressen. Space Rock ohne Romantik, dafür mit Hochofen-Flair.

Helios Creed
The Last Laugh

(Amphetamine Reptile, 1989)

Under Construction

King Snake Roost
Things That Play Themselves

(Amphetamine Reptile, 1989)

Auch und gerade in Australien gab es Bands/Musik, die man „Pigfuck“ nennen kann. Denn Australien hatte immer einige Bands, die harten Noise mit abseitigem Blues verquickt haben. Ich erinnere nur an Birthday Party, die Beasts of Bourbon oder feedtime (siehe hiernach). King Snake Roost blieben im Vergleich noch etwas obskurer – unverständlich – aber bekamen für die USA einen Vertrag beim Indie Amphetamine Reptile. Things That Play Themselves ist auf die anständig-dreckige Art extrem und stylish, die man sich für diese Musik wünscht. Die Rhythm-Section rumpelt und poltert, kennt eindeutig Blues a la Captain Beefheart, verliert kontrolliert die Kontrolle, der Sänger Peter Hill shoutet, schimpft und hat eine Stimme, der man zuhören muss. Rau und autoritär. Ich kann mir vorstellen, dass er vorher bei Oi-Punk Acts mitgemacht hat. Und Gitarrist Charles Tolnay fühlt sich nicht bemüßigt, Chords zu spielen… da wird rück-gekoppelt und eine Noise-Kaskade über die nächste gelegt. Wer Birthday Party mit Punk-Shouter sucht, sollte sich Tracks wie „Acid Heart“ oder „Fried“ anhören. Irgendwie gelang es King Snake Roost nicht artifiziellen Noise-Blues-Punk zu fabrizieren. Things That Play Themselves ist mit Haltung eingespielt, aber ohne Allüren – was der Grund dafür sein mag, dass diese Band nicht wirklich im Gedächtnis blieb. Dass die Band sich ’90 auflöste, war nicht hilfreich. Dabei ist dieses eine Album tatsächlich auf derselben Stufe wie Junkyard von Birthday Party oder Weird Love von den Scientists. Die Kontakte in die USA waren geknüpft, insbesondere Tolnay kannte die Dead Kennedys von seiner vorherigen Band Grong Grong (deren ’86er Blues-Punk Diamant auf Alternative Tentacles erschien), spielte seit ’88 auch noch bei Lubricated Goat und machte ’91 mit Jello Biafra das Album Tumor Circuswhatever… der Noise von Things That Play Themselves ist die Wiederentdeckung wert. Ähnlich wie…

feedtime
Suction

(Aberrant, 1989)

Auch diese australische Band war im Blues so verwurzelt, wie in Punk. Wie gesagt: Blues-Punk und Australien gehören zusammen. Rick Johnson (g, voc) und Al Larkin (b, voc) hatten feedtime vor zehn Jahren gegründet, waren seit ’82 mit dem Drummer Tom Sturm mit ihren Kollegen von der Band X (nicht zu verwechseln mit der US-Band!!) eine feste Größe in der Noise-Suppe Sydney’s und hatten es bislang auf drei sehr lohnende Alben gebracht – wenn man wirklich harten Lärm will. Seit den Mitte der 80er war auch der Underground in den USA aufmerksam geworden und für Suction setzte sich Butch Vig (Siehe auch Killdozer, Laughing Hyenas und ’91 Nirvana’s Nevermind…) auf den Produzenten-Stuhl. Das letzt-jährige Album Cooper-S hatte komplett aus Cover-Versionen von passenden Bands + Songs bestanden, für Suction hatte sich offenbar eine Menge an wirklich beeindruckendem Material angesammelt. feedtime waren eine Blues-Punk-Version von The Jesus and Mary Chain: Unter ihrem krachenden Noise versteckten sich gerne Songs und Melodie. Dass sie auf Suction mit „I’ll Be Rested“ einen alten Gospel vertonten, war eine Verneigung vor dem Blues, der Rest des Albums ist feedtime, wie man sie kennenlernen sollte: Harte Rhythmen, krachende Gitarren, Feedback, Noise, alles auf kluge Art schlicht gehalten, ohne Sperenzchen, aber mit einer Wucht, die man selten hört. Man denke an die Stooges und an Motörhead. Und natürlich an Kollegen wie die Scientists oder Birthday Party. Mit „Motorbike Girl“ kamen sie dem Pop-Punk nahe – aber „Drag Your Dog“, „Meter“ oder „Arse“ waren dann doch klar im feedtime-eigenen Noise Territorium unterwegs. Das ist der Spaß an dieser Band – ihr wilder Noise, die Simplizität, die durch die Wucht nie banal wird und der eigene Sound, den Butch Vig hier wunderbar einfing. Suction erschien Januar ’89… im Februar lösten feedtime sich „…due to emotional and psychological issues“ kurz vor der geplanten US-Tour auf. Immerhin kamen sie ’95 wieder zusammen. Man beachte ihr ’96er Album Billy, das zeigt, wie zeitlos ihr Noise letztlich ist.

Killdozer
Twelve Point Buck

(Touch & Go, 1989)

Um den thematischen Faden weiter aufzuwickeln… Butch Vig produzierte auch die aus Wisconsin stammende Band Killdozer, deren (ebenfalls) viertes Album Twelve Point Buck laut Hörensagen Kurt Cobain dazu veranlasste, sich ihren Sound und ihren Produzenten für sein nächstes Album gewünscht zu haben. Was daraus wurde, wissen wir. Killdozer hatten tatsächlich auch einen Sound, der wiederum dem der australischen Punk-Blues Ungetüme feedtime nicht unähnlichen ist. Auch sie kannten Blues – auch wenn der nicht ganz so an der Oberfläche schwamm. Bill Hobson, Dan Hobson und vor allem Sänger/Growler Michael Gerald prägten einen Sound, der wunderbar als Beispiel für „Pigfuck“ herhalten kann. Da ist ein tiefer, grollender Bass, da donnern die Drums, die Songs haben langsame Start-Stop Passagen, die an Big Black erinnern (mit denen Killdozer häufig zusammen spielten). Und dazu growlte Gerald ominöse, absurde Lyrics. Dessen Vortrag ließ Killdozer noch weiter hervorstechen, das war kein Punk-Gebell, das war unheimlich. Twelve Point Buck wird als Killdozer’s bestes Album bezeichnet, aber ihre ersten vier Alben sind allesamt einzigartig. Die Band spielte gerne spannende Cover-Versionen ein – hier war mal keine dabei, aber hört euch ihre Version von Neil Diamond’s „I Am, I Said“ vom vorherigen Album Little Baby Buntin‘ an. Dafür hatten sie hier mit „Man vs Nature“ einen tollen Song über den Katastrophen-Film Produzenten Irwin Allen… den „Master of Disaster“. Beim folgenden sludgy „Gates of Heaven“ wird zur Eröffnung gerülpst, zwischendurch ertönt eine Tuba. Und was ist mit dem Akkordeon bei „Free Love in Amsterdam“, bei dem Gerald regelrecht ausrastet..? Die hatten für diese strukturell so einfache Musik sehr viele Ideen. Vermutlich zu viele, um den aufkommenden Indie Rock Trend nutzen zu können. Zumal auch Killdozer sich Anfang 1990 auflösten, um dann immerhin ’93 wieder zu erstehen. Auch diese Band hat die Eigenschaft, die ihre Musik auf diese Seite führt: Es gibt Nicht viel vergleichbares.

Laughing Hyenas
You Can’t Pray a Lie

(Touch and Go, 1989)

Ich tauche hier immer tiefer in den blues-durchzogenen Hardcore ein. In Ann Arbor/Michigan (nahe bei den Großen Seen…) gründete ’85 John Brannon, der ehemaligen Sänger der Band Negative Approach (Lies über die im Kapitel 1983 – US Hardcore) die Laughing Hyenas. Nachdem der ein Konzert der Birthday Party gesehen hatte, wollte er Noise mit Blues und seinem extremen Gesang verbinden. Der Mann war die nicht ganz so geheime Waffe seiner Band, seine Stimme klingt, als hätte Henry Rollins Nick Cave verschluckt. Er brüllt rauh, er zerkratzt die Oberfläche jedes Songs mit einer glaubhaften Intensität und Theatralik, so dass man zunächst nicht auf die „Musik“ hört!! You Can’t Pray a Lie war das zweite Album der Band, die sich inzwischen etabliert und eingespielt hatte – und deren musikalische Reife wirklich beachtlich war. Auch hier produzierte (wie bei den Bastards, feedtime oder Killdozer..) mit Butch Vig der Mann, der demnächst Nirvana’s Nevermind produzieren würde. Diese Szene kannte sich untereinander, man findet auf den verschiedensten Alben immer dieselben Namen. Dass LH mit Sonic Youth und Killdozer auf Tour waren, ist logisch – und auch die Labels dieser Acts wurden von Freunden geleitet… so hatte der Boss von Touch and Go einst bei der Band Necros gespielt, die mit Negative Approach verbunden waren… whatever – auf You Can’t Pray a Lie hört man das, was diese Band definitiv bekannter hätte machen müssen. Noisigen Punk Blues, der so intensiv ist, dass es schockiert. Dass es bei „Sister“ um einen Mann geht, der seine Schwester ZU sehr liebt, ist da nur passend. „Black Eyed Susan“ baut auf repetitive Moll-Akkorde auf, dazu schreit sich Bannon die Seele aus dem Leib. Aber der ist mitnichten nur laut – manchmal senkt sich seine Stimme ins Jim Morrison/ Glenn Danzig Territorium. Hör‘ das abschließenden „The Gospel“, das den Charakter der Laughing Hyenas wohl am besten darstellt. Harter, bluesiger Noiserock, bei dem ein Wahnsinniger den Mond anheult. Vielleicht kann man You Can’t Pray a Lie als Blues der 90er Indie-Generation bezeichnen? DAS ist Pigfuck eben…

Pussy Galore
Dial M For Motherfucker

(Caroline, 1989)

Auch diese Band hatte ihre Wurzeln tief im Blues. Und im Noise, in einer sehr lässigen No Wave-Avantgarde, hatte eine Sound-Ästhetik, die man Ende der 80er noch nicht als Lo-Fi bezeichnete. Pussy Galore waren der Gitarrist Jon Spencer und Julia Cafritz, seine einstige Kommilitonin auf dem Brown College, sowie der Gitarrist Neil Hagerty, der wiederum demnächst mit seinem Projekt Royal Trux kaputtesten Avant-Blues machen würde. Dazu kam noch ein wechselnder Cast aus Drummenr und weiteren Gitarren.. Pussy Galore aber (…benannt nach einer James Bond Gespielin aus dem 007 Klassiker Goldfinger…) waren eindeutig Spencer’s Spielwiese. Der war großer Fan der Einstürzenden Neubauten, auf der letztjährige EP Sugarshit Sharp hatte dieses instabile Projekt sogar „Yü Güng“ von den deutschen Industrial Noise Pionieren gecovert. Dial „M“ for Motherfucker ist ein Konglomerat aus verzerrten Stimmen und Gitarren, klappernden Percussion und Lärm auf allen Kanälen. Dass Spencer auch die Rolling Stones liebte (deren Exile on Main Street er komplett gecovert als Cassette aufgenommen hatte), ist deutlich. Aber er drehte diese Vorbilder durch den Wolf, war in seiner Liebe zu industriell klingendem Krach völlig konsequent. Dass Spencer und Cafritz sich bei den Sessions nur noch anschrien, weil Spencer die Band hiernach auflöste, um dann mit seiner Freundin Cristina Martinez Boss Hog zu starten, ist hörbar… und es hat offenbar genutzt, denn die Aggression springt den Hörer hier regelrecht an!! Da sind fast atonale Passagen, die Songs fließen ineinander, aber wenn man sich mal durch das Album kämpft – es zweimal gehört hat – treten erstaunliche Songs zu Tage!. „Dick Johnson“ etwa, ein scheppernder Noise Rock’n’Roll über den real existierenden Typen, der Tad (siehe oben…) in jeder Stadt mit Dope versorgte. Nachdem Cafritz die Band wutentbrannt verlassen hatte, nahmen Spencer, Hagerty, Kurt Wolf und Bob Bert im Studio des japanischen Konsulats (!) mit „Hang On“ oder dem Opener „Understand Me“ und noch ein paar Tracks auf. Alles krachender, klappernder Noise-Blues, der aus Dial „M“ for Motherfucker ein Fest für Furchtlose macht. Auf seine Art ist dieses Album die Wiege der kommenden Noise-Szene der 90er… Cafritz spielte später mit Sonic Youth’s Kim Gordon bei Free Kitten, jeder, der hier teilnahm würde bald lärmendes Gift versprühen. Und dass die Ton-Ingenieure Steve Albini (Big Black…) und Wharton Tiers (quasi alle NY No Wave Acts) hier auch dabei waren, bestätigt die Wichtigkeit dieses Lärm-Manifestes noch einmal… Dial „M“ for Motherfucker muss man hören, wenn man einmal erkannt hat, welche Rolle Noise im Alternativen Rock der kommenden Dekaden hat. Und dann geht weiter und hört Boss Hog und Jon Spencer’s Blues Explosion. …

Pigfuck’s Top 10 – as of now…

…das kann sich jeder denken – diese Top 10 ist dem Ohrenhör entsprungen. Es gibt viele Alben/Bands, die sich hier wiederfinden könnten. Ich nenne hier immer nur EINE Band mit einem Album. Und morgen wäre es vielleicht – nur vielleicht!! – eine andere Band mit einem anderen Album…

Flipper – Generic: Fipper (1982) – ein frühestes Beispiel für einen Sound, der erst später Pigfuck genannt werden sollte…

Butthole Surfers – Psychic… Powerless… Another Man’s Sac -(1984) – Genre-definierender, surrealer, einzigartiger Pigfuck Art Punk. Nicht zu imitieren

Big Black – Atomizer (1986) – Die Band des Pigfuck-Meister-Produzenten Steve Albini. Logischerweise mit einem meisterlichen Album

Melvins – Ozma (1989) – siehe hier oben. Ist das eigentlich Pigfuck? Was ist Pigfuck?

Pussy Galore – Dial M For Motherfucker (1989) – Pigfuck-Blues-Punk – siehe ebenfalls hier oben…

Tad – God’s Balls (1989) – Pigfuck-Grunge. Wie gesagt. Dort sind die Grenzen auch nicht klar gezogen

The Jesus Lizard – Goat (1991) – wenige Bands sind „pigfuckiger“ als diese. Wenige Indie Rock Alben so konsequent. Und gut.

Today is the Day – Willpower (1994) – auch die haben etliche tolle Alben mit Pigfuck in ihrer Diskografie. Nenn‘ es meinetwegen auch Post-Hardcore.

Unsane – Scattered, Smothered and Covered – (1995) – Pigfuck mit viel Splatter und hartem, bösen Hardcore.

Daughters – s/t (2010) – natürlich gibt es Neckbreak-Pigfuck auch in toll im nächsten Millenium…

Chat Pile – God’s Country – (2021) – Metal-lastiger Pigfuck, auch 30 Jahre später noch neu.